Moral unter Beschuss

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eight_butterflies Avatar

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„Trophäe“ hat mich auf eine unangenehme, aber produktive Weise erwischt. Es ist eines dieser Bücher, die man nicht einfach liest und dann zur Seite legt, sondern die noch lange im Kopf herumspuken. Im Zentrum steht Hunter White, ein steinreicher Amerikaner, Jäger aus Leidenschaft, jemand, der gewohnt ist, alles zu bekommen, was er will. Seine Jagd auf die „Big Five“ wirkt zunächst wie eine bizarre, aber irgendwie noch in bekannten Bahnen verlaufende Obsession. Doch als die Geschichte kippt und aus der Trophäenjagd auf Tiere etwas grundlegend anderes wird, verlässt der Roman den Bereich des moralisch Fragwürdigen und betritt den des Verstörenden. Und genau da beginnt seine eigentliche Stärke.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist, wie geschickt Gaea Schoeters Hunters Denken offenlegt. Man folgt seinen Gedankengängen, hört seine Rechtfertigungen, seine scheinbar logischen Argumente und merkt dabei ständig, wie man innerlich gegenlesen muss. Er ist kein plumper Bösewicht, sondern jemand, der sich selbst überzeugt. Gerade das macht ihn so gefährlich. An manchen Stellen ertappte ich mich dabei, dass ich seine Logik kurzfristig nachvollziehen konnte, nur um im nächsten Moment erschrocken festzustellen, wohin sie führt. Diese Spannung zwischen Verstehen und Ablehnen hält das ganze Buch über an.
Der Stil ist kühl, präzise, fast nüchtern und genau dadurch wirken die Naturbeschreibungen und die Jagdszenen umso intensiver. Man sieht, hört und riecht die Landschaft, spürt das Warten, das Anschleichen, den Moment vor dem Schuss. Gleichzeitig bleibt immer dieses Unbehagen. Was hier so eindrucksvoll erzählt wird, ist moralisch zutiefst problematisch. Für mich liegt darin die größte Leistung des Romans. Er predigt nicht, sondern zwingt dazu, selbst Position zu beziehen.
Nicht alles hat mich gleich stark überzeugt. Gegen Ende wurde mir Hunter als Figur fast zu sehr zerlegt, sein innerer Zusammenbruch wirkte auf mich etwas konstruiert. Auch manche Gedanken und Motive wiederholen sich. Trotzdem. „Trophäe“ ist ein kluges, unbequemes Buch, das Fragen nach Macht, Ausbeutung, Gewalt und westlicher Selbstgerechtigkeit stellt, ohne einfache Antworten zu liefern. Emotional hat es mich nicht „warm“ abgeholt, aber intellektuell und moralisch sehr herausgefordert. Und genau deshalb bleibt es hängen.