Erinnerungen bauen Brücken

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
büchersally Avatar

Von

Berlin. Manche Sätze, die die Großeltern sagen, bleiben für immer im Gedächtnis. Bei Alexandra Stahl ist es: „Frangfodd is schlimmer als Tschikago!“ Mit diesem Satz ihres Großvaters wächst die Ich-Erzählerin auf. Während er sich leidenschaftlich mit Kabeln und Steckdosen beschäftigt, widmet sich die Großmutter ihren Katzen und Puppen. Sie streiten, necken und ergänzen sich seit Jahrzehnten auf ihre ganz eigene Weise. Nach dem Tod des Großvaters beginnt die Erzählerin ein Freiwilligenjahr in einem Berliner Seniorenheim. Dort begegnet sie Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten und erkennt, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind.

Alexandra Stahl erzählt ihre Geschichte mit einer angenehmen Leichtigkeit, obwohl sie sich einem Thema widmet, das häufig verdrängt wird. Menschen werden älter und haben irgendwann ihre Eigenheiten. Manche sind charmant, andere rufen Unverständnis hervor. Den Menschen näher bringen die mundartlichen Dialoge. Man kann sie damit sofort verorten und die Autorin muss keine Worte dafür finden. Der Roman liest sich flüssig und entwickelt seine Wirkung weniger durch große Wendungen als durch viele kleine, fein beobachtete Momente. Die Autorin nimmt sich Zeit für ihre Beschreibungen und verleiht den Charakteren mit wenigen Details eine beeindruckende Tiefe.

Liebenswerte Eigenheiten und bewegende Begegnungen
Besonders die Bewohner des Seniorenheims sind liebevoll gezeichnet. Jede Begegnung erzählt von einem gelebten Leben, von Erinnerungen, Hoffnungen und Verlusten. Gleichzeitig bleiben auch die Großeltern der Erzählerin mit ihren Eigenheiten lange im Gedächtnis. Ich konnte mir sämtliche Charaktere sehr gut vorstellen und hatte das Gefühl, ihnen tatsächlich gegenüberzustehen. Ohne belehrend zu wirken, regt der Roman dazu an, den Blick auf ältere Menschen zu verändern. Er erinnert daran, dass hinter jedem faltigen Gesicht unzählige Geschichten verborgen liegen und dass Aufmerksamkeit, Geduld und Zeit oft die wertvollsten Geschenke sind.

Tschikago ist ein leiser, warmherziger Roman, der seine Leser nicht mit dramatischen Ereignissen fesselt, sondern mit authentischen Figuren und feinfühligen Beobachtungen. Alexandra Stahl verbindet Erinnerungen, Abschied und Neuanfänge zu einer Geschichte, die lange nachhallt. Besonders gefallen haben mir der flüssige Schreibstil und die lebendig gezeichneten Charaktere, die den Roman sehr greifbar machen. Gleichzeitig sensibilisiert das Buch auf eindrucksvolle Weise für den Umgang mit älteren Menschen und zeigt, wie viel Lebensgeschichte hinter jeder einzelnen Begegnung steckt. Eine einfühlsame Lektüre, die zum Nachdenken anregt und den Blick auf das Älterwerden ein Stück weit verändert.