Fragmentarisch, lebensecht, tröstlich

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angie99 Avatar

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Den Titel auf der Buchrückseite „Winken bis zum Schluss“ hätte ich passender gefunden. Denn genau darum geht es hier: um die eigenen Großeltern, um die Bewohner eines Altersheims (pardon, Seniorenresidenz), um das Älterwerden, ums Abschiednehmen („winken“) ums Sterben („bis zum Schluss“), aber vor allem auch ums Erinnern.

Im ersten Teil „Frankfurt ist schlimmer als Chicago“ erinnert sich die Autorin augenzwinkernd an ihre Kindheit, die von ihren liebevoll streitenden Großeltern geprägt war, im zweiten Teil „Waren sie schon mal im Internet?“ erinnern sich die Senioren und Seniorinnen der sogenannten Biografiegruppe. An die D-D-D-R, an Ehemänner, an Dörfer, an Ulan-Bator, an kalte Seen. An manch anderes erinnern sie sich nicht mehr. Der dritte Teil wagt sich an die Frage, inwieweit diesen Erinnerungen zu trauen ist, ob sie „wahr“ genug sind, um sie aufzuschreiben, und was dieses Erinnern mit uns Menschen macht.

Schon diese Aufteilung und dann noch das weitere Zerteilen in Kapitel, Unterkapitel und Abschnitte macht klar, dass es sich bei diesem Buch nicht um einen klassischen Roman handelt (obwohl es – wahrscheinlich aus Mangel an sinnvollen Alternativen – so bezeichnet wird), sondern mehr um eine Sammlung von Anekdoten, Beobachtungen, Gesprächen, Zitaten und Reflexionen.

Es ist ein Buch zum Mit-Denken und Mit-Fühlen, und das wird einem von Alexandra Stahl leicht gemacht. Ihre Beschreibungen sind knapp, aber treffend, trotz des fragmentarischen Aufbaus kann man gut vom Main nach Berlin und zurück folgen. Was sie erzählt, ist so alltäglich, dass man es greifen kann, wirkt aber nie banal. Vielleicht, weil es im Leben eben wirklich um die kleinen Dinge geht. Diese Erkenntnis berührt, wenn man in Stahls empathischem, fast zärtlich-humorvollem Schreibstil von diesen ach so gewöhnlichen Menschen liest, die man sich vorstellen kann, als würden sie nebenan wohnen.

„Tschikago“ kommt auf leisen Pfoten daher, ist dank luftigem Schriftsatz schnell gelesen und birgt viele schöne Sätze und kleine Lebensweisheiten, die nachhallen. Es ist ein hoffnungsvolles und tröstliches Stück Literatur, das einen ermutigt, sich selber zu erinnern und diese Erinnerungen zu teilen („Ich bin doch nicht gut im Erzählen. Mir fällt doch nichts ein. Ich hab doch nichts erlebt.“ S. 151.) Und – vielleicht noch mehr – einen ermutigt, sich älteren Menschen zu nähern und ihnen zuzuhören. („Ja, sagt sie, ich habe mich gerade daran erinnert und ein bisschen zurückgedacht. – Es, denke ich, war, denke ich, schön, denke ich. – Frau Bellmann leuchtet immer noch.“ S. 195)

Große Empfehlung für alle, die es lebensecht, mit Tiefgang und feinem Witz mögen und keine lineare Handlung brauchen.