Humorvolle Erinnerungskultur
Ihre Großeltern wohnten nur wenige Meter von der Wohnung ihrer Mutter entfernt, kurz nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten. Sie waren wie Hund und Katze die Großeltern und gingen dann doch seit siebenundfünfzig Jahren jeden Abend wieder gemeinsam ins Bett. Ihre Streitkultur war einfach. Der eine meckerte: „Du mit deine Scheißkatze!“ Der andere äffte den Vorwurf nach: „Oh, du mit deine Scheißkatze!“ Mit dem zusätzlichen Verdrehen der Augen unterstrichen beide, dass keine Eintracht bestand. Die Großmutter fütterte also alle Katzen der Umgebung. Die Näpfe baute sie großflächig vor der Garage auf. Dort blieben sie stehen, bis der Großvater mit lautem Scheppern darüber stolperte und grollend fluchte. Der Großvater hielt dagegen, indem er Steckdosen, Kabel und Metall sammelte, was die Großmutter zu derlei Aussagen verleitete: „Du hosd nur Schrodd!“ Er wäre fast Amerikaner geworden, blieb dann aber doch in Unterfranken und wurde Elektriker. Bis ins hohe Alter war er besessen von der Gnade des FI-Schalters. Er liebte seine Arbeitsgeräte, ganz besonders sein Schweißgerät. Einen Haufen Schrott verband er zu einer Mistgabel, die allerdings so schwer wurde, dass man sie nicht anheben konnte. Schweißend rückte er den Siebenschläfern unterm Dach zu Leibe, indem er Lebendfallen baute. Die ließ er bis zum nächsten Morgen neben der Stalltüre stehen und fand dann darin Johnny, Omas Lieblingsstreuner.
Alexandra Stahl liebte die beiden und erst als sie ein pubertierender Finsterling wurde, schämte sie sich manchmal für den Opa.
Fazit: Die Autorin Alexandra Stahl hat mir ihre Familiengeschichte ebenso nahegebracht, wie ihr eigenes Dasein. In vielen humorvollen Anekdoten, teils in plattdeutsch wiedergegeben, erfahre ich, welche Menschen Alexandras Mutter geboren haben. Wie die Enkelin ihren Großvater aus der Chemiefabrik abholte, dessen Freude darüber sie spürte, obwohl er sie nicht zeigen konnte. Sie erzählt über ihre ehrenamtliche Biografiegruppe in einem Berliner Altenheim und auch diesen Menschen komme ich ganz nah, lerne Frau Schubert kennen, die scheu jeden Zweifel weglächelt. Frau Bellmann, die in die kältesten Seen gesprungen ist oder Herr Uhlig, der als Schauspieler sein Geld verdiente. Alexandra Stahl lässt mich die Vergänglichkeit spüren, indem sie über Jahrzehnte gelebtes Leben ehrt. Sie alle kommen gern in ihre Gruppe und erzählen von früher, bis die erste Lungenentzündung sie auszehrt und sie bettlägerig werden. Bis die Autorin sie nach einem Wochenende oder einem Urlaub von Herzen vermisst. Insgesamt hat mir der Roman (so nennt es der Verlag) viel Freude bereitet. Was mich gestört hat ist, dass es keine durchgehende Prosa ist. Die einzelnen Kapitel kommen abgehackt daher, Erinnerungen in zwei, drei Sätzen werden eingestreut. Mir begegnen zunehmend autobiografische oder autofiktionale Romane, aber diese Bezeichnung ist so verwirrend wie falsch, weil eine Erwartung geweckt wird, die das Buch am Ende nicht halten kann, leider zu Lasten der Autor*innen.
Alexandra Stahl liebte die beiden und erst als sie ein pubertierender Finsterling wurde, schämte sie sich manchmal für den Opa.
Fazit: Die Autorin Alexandra Stahl hat mir ihre Familiengeschichte ebenso nahegebracht, wie ihr eigenes Dasein. In vielen humorvollen Anekdoten, teils in plattdeutsch wiedergegeben, erfahre ich, welche Menschen Alexandras Mutter geboren haben. Wie die Enkelin ihren Großvater aus der Chemiefabrik abholte, dessen Freude darüber sie spürte, obwohl er sie nicht zeigen konnte. Sie erzählt über ihre ehrenamtliche Biografiegruppe in einem Berliner Altenheim und auch diesen Menschen komme ich ganz nah, lerne Frau Schubert kennen, die scheu jeden Zweifel weglächelt. Frau Bellmann, die in die kältesten Seen gesprungen ist oder Herr Uhlig, der als Schauspieler sein Geld verdiente. Alexandra Stahl lässt mich die Vergänglichkeit spüren, indem sie über Jahrzehnte gelebtes Leben ehrt. Sie alle kommen gern in ihre Gruppe und erzählen von früher, bis die erste Lungenentzündung sie auszehrt und sie bettlägerig werden. Bis die Autorin sie nach einem Wochenende oder einem Urlaub von Herzen vermisst. Insgesamt hat mir der Roman (so nennt es der Verlag) viel Freude bereitet. Was mich gestört hat ist, dass es keine durchgehende Prosa ist. Die einzelnen Kapitel kommen abgehackt daher, Erinnerungen in zwei, drei Sätzen werden eingestreut. Mir begegnen zunehmend autobiografische oder autofiktionale Romane, aber diese Bezeichnung ist so verwirrend wie falsch, weil eine Erwartung geweckt wird, die das Buch am Ende nicht halten kann, leider zu Lasten der Autor*innen.