Was bleibt, wenn Geschichten weiterleben

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maison.tania Avatar

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Manchmal gibt es Bücher, bei denen man schon nach wenigen Seiten merkt, dass sie nicht einfach eine Geschichte erzählen wollen, sondern einer Frage nachgehen. Hier wirkt es genau so. Die Leseprobe beginnt scheinbar im Heute mit Mirabell, die an etwas scheitert, das für viele Menschen alltäglich geworden ist: Nähe zulassen. Dating Apps, Nachrichten beantworten, sich zeigen. Aber sehr schnell wird deutlich, dass es eigentlich um etwas viel Tieferes geht.
Besonders eindrücklich fand ich, wie das Innere der Figur beschrieben wird. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern in diesen kleinen, fast unspektakulären Momenten. Das Zögern vor dem Benutzernamen. Das Löschen der App. Das Schweigen in der Therapie. Dieses Gefühl, etwas zu wollen und gleichzeitig davor zurückzuweichen. Das wirkt nicht konstruiert, sondern erstaunlich nah und beobachtet.
Und dann öffnet sich der Text plötzlich in eine andere Richtung. Aus der Frage, warum Mirabell Angst vor Nähe hat, entsteht eine Spurensuche durch mehrere Generationen von Frauen. Eine Mutter, die bleibt. Eine Großmutter mit einer unerzählten Geschichte. Eine Urgroßmutter, über die kaum etwas bekannt ist außer einer Leerstelle und einem Schmerz. Besonders stark fand ich den Gedanken, dass Erfahrungen nicht verschwinden, sondern manchmal weitergetragen werden, selbst wenn niemand mehr genau weiß, wie alles angefangen hat.
Die Wechsel zwischen den Zeiten haben auf mich nicht wie klassische Familienroman Dramaturgie gewirkt, sondern eher wie Spiegelungen. Hannchen 1930, Sabine in den Neunzigern, Mirabell heute. Immer wieder ähnliche Sehnsüchte, ähnliche Erwartungen, ähnliche Unsicherheiten und gleichzeitig völlig andere gesellschaftliche Bedingungen. Vor allem die Szenen rund um Hochzeiten und das Thema Partnerschaft zeigen sehr fein, wie sich äußere Freiheiten verändern können, innere Muster aber oft viel länger bleiben.
Besonders hängen geblieben ist bei mir auch die Haltung des Textes zur Erinnerung. Mehrfach wird betont, dass vieles Fiktion ist, weil Wirklichkeit lückenhaft bleibt. Das fand ich klug und berührend. Nicht als Ausrede, sondern als ehrlichen Umgang mit Familiengeschichte. Dass wir unsere Herkunft oft nur aus Fragmenten, Erzählungen und Vermutungen zusammensetzen.
Die Sprache wirkt dabei ruhig und unaufgeregt, aber sehr präzise. Es gibt viele Beobachtungen, die lange nachhallen. Keine großen Effekte, sondern Sätze, die leise etwas öffnen.
Nach dieser Leseprobe bleibt vor allem Neugier. Nicht nur darauf, was mit diesen Frauen geschieht, sondern darauf, welche Geschichten sich später vielleicht noch als wahr, halb wahr oder nur weitererzählte Erinnerung herausstellen. Vor allem aber bleibt die Frage: Was tragen wir in uns, das eigentlich schon lange vor uns begonnen hat?
Ein Roman, der nicht sofort Antworten gibt, sondern aufmerksam macht für das, was zwischen Generationen weiterlebt.