Ein literarisches Meisterwerk – und eine Anleitung zur Biographiearbeit für die Generation Z
Mirabell hat ein ungutes Gefühl. Findet keinen Job, ist beziehungsgestört und spricht mit ihrer Therapeutin. Ob das Schicksal von Hannchen, der vergewaltigten Urgroßmutter, in ihrer Psyche nachwirkt? Oder von Lisa, der selbstmörderischen Großmutter?
Abgesehen von Telefonaten mit Sabine, der verstockten Mutter, die sich aus ihrer destruktiven Ehe nicht lösen kann, gibt es da nur Franzi. Die allerbeste Freundin, die immer da ist und mit der Mirabell alles besprechen kann. Auch die trägt ein Geheimnis in sich – was sich erst ganz am Ende dieses bezaubernden Romans auflöst.
Pauline Hatscher, die mit «Über vier Leben» ihr Erstlingswerk vorlegt, stammt aus Bremen, hat Kulturmanagement in Lüneburg und Literatur in Leipzig studiert. Sie ist die Ich-Erzählerin dieses Romans – und auch nicht. «Was ich hier erzähle, ist eine Fiktion», schreibt sie, und: «Jede Fiktion kommt aus der Wirklichkeit.»
Es gelingt ihr auf geniale Weise, die vier Leben von Urahne, Ahne, Mutter und Kind zu verknüpfen. Und nicht nur das: Als Autorin schlüpft sie hinter die Rolle von Mirabell, dem erwachsen gewordenen, schriftstellernden Kindes, das sich gegen alle Widerstände in die Biographiearbeit stürzt.
Diese verzwickt-geniale Erzählstruktur schafft einen eigenartigen Sog, der mich als Leser nach anfänglicher Verwirrung immer mehr ins Staunen versetzt hat. Brauchte ich anfangs noch zwei Anläufe, um in den Roman hineinzukommen, so raste ich die letzten Zweidrittel wie im Flug hindurch. W
ie bezeichnet man solche eine Mischung aus Ich-Erzählung, auktorialer, personaler und multipersonaler Erzählsituation? Nennen wir sie ganz einfach «modern», entsprechend der Alpha, der Smartphone und Internet in die Wiege gelegt wird.
Vor mir, dem Rezenten der Baby-Boomer-Generation, gab es die Stummen bzw. Vergessenen. Die wie mein Vater eisern schwiegen über Kindheit und Jugend im Dritten Reich und die Kriegsjahre. Bloß nicht zurückschauen! Erst spät erfuhr ich vom Freitod meines Großvaters, einem Vertreter der sogenannten «Größten Generation». Nach mir, Mitte der 60er bis Ende der 80er-Jahre, die Generation X. Dann rund um die Jahre der Wende die Millennials bzw. Generation Y, gefolgt von den Zoomers bzw. Generation Z, zu welcher die Autorin gehört.
Ob wir es wollen oder nicht: Wir alle sind geprägt durch die Schicksale unserer Vorfahren. Es sind unsere Wurzeln, tief in die Erde reichend. Ohne sie zu erkunden, können unsere Zweige nicht in den Himmel wachsen. Biographiearbeit ist schmerzhaft, von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. «Es könnte auch ganz anders gewesen sein», legt Autorin Pauline Hatscher ihrer fiktiven Ich-Erzählerin Mirabell in den Mund. «Aber vielleicht geht es nicht um eine Wahrheit im Sinne von Tatsachen, sondern um eine Wahrheit im Sinne des Empfindens.» Damit wird ein Weg gewiesen, sich der Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte zu stellen, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu moralisieren bzw. Altvorderen ihre spießigen Charaktermasken herunterzureißen.
Dieses Buch hat mich zutiefst berührt. Es ist nicht das Thema allein, sondern auch die Erzählweise, der Umgang mit Sätzen, mit Worten, die Gestaltung von Dialogen. Schier unglaublich, das literarische Talent dieses Erstlingswerks. Und so möchte ich zum Ende dieser Rezension noch einmal die Autorin zu Worte kommen lassen:
«Aber wenn man eine Fiktion hat, in der die Dinge Sinn ergeben, kann man womöglich besser zurechtkommen mit einer Realität, in der sie manchmal unklar bleiben und offen.»
Abgesehen von Telefonaten mit Sabine, der verstockten Mutter, die sich aus ihrer destruktiven Ehe nicht lösen kann, gibt es da nur Franzi. Die allerbeste Freundin, die immer da ist und mit der Mirabell alles besprechen kann. Auch die trägt ein Geheimnis in sich – was sich erst ganz am Ende dieses bezaubernden Romans auflöst.
Pauline Hatscher, die mit «Über vier Leben» ihr Erstlingswerk vorlegt, stammt aus Bremen, hat Kulturmanagement in Lüneburg und Literatur in Leipzig studiert. Sie ist die Ich-Erzählerin dieses Romans – und auch nicht. «Was ich hier erzähle, ist eine Fiktion», schreibt sie, und: «Jede Fiktion kommt aus der Wirklichkeit.»
Es gelingt ihr auf geniale Weise, die vier Leben von Urahne, Ahne, Mutter und Kind zu verknüpfen. Und nicht nur das: Als Autorin schlüpft sie hinter die Rolle von Mirabell, dem erwachsen gewordenen, schriftstellernden Kindes, das sich gegen alle Widerstände in die Biographiearbeit stürzt.
Diese verzwickt-geniale Erzählstruktur schafft einen eigenartigen Sog, der mich als Leser nach anfänglicher Verwirrung immer mehr ins Staunen versetzt hat. Brauchte ich anfangs noch zwei Anläufe, um in den Roman hineinzukommen, so raste ich die letzten Zweidrittel wie im Flug hindurch. W
ie bezeichnet man solche eine Mischung aus Ich-Erzählung, auktorialer, personaler und multipersonaler Erzählsituation? Nennen wir sie ganz einfach «modern», entsprechend der Alpha, der Smartphone und Internet in die Wiege gelegt wird.
Vor mir, dem Rezenten der Baby-Boomer-Generation, gab es die Stummen bzw. Vergessenen. Die wie mein Vater eisern schwiegen über Kindheit und Jugend im Dritten Reich und die Kriegsjahre. Bloß nicht zurückschauen! Erst spät erfuhr ich vom Freitod meines Großvaters, einem Vertreter der sogenannten «Größten Generation». Nach mir, Mitte der 60er bis Ende der 80er-Jahre, die Generation X. Dann rund um die Jahre der Wende die Millennials bzw. Generation Y, gefolgt von den Zoomers bzw. Generation Z, zu welcher die Autorin gehört.
Ob wir es wollen oder nicht: Wir alle sind geprägt durch die Schicksale unserer Vorfahren. Es sind unsere Wurzeln, tief in die Erde reichend. Ohne sie zu erkunden, können unsere Zweige nicht in den Himmel wachsen. Biographiearbeit ist schmerzhaft, von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. «Es könnte auch ganz anders gewesen sein», legt Autorin Pauline Hatscher ihrer fiktiven Ich-Erzählerin Mirabell in den Mund. «Aber vielleicht geht es nicht um eine Wahrheit im Sinne von Tatsachen, sondern um eine Wahrheit im Sinne des Empfindens.» Damit wird ein Weg gewiesen, sich der Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte zu stellen, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu moralisieren bzw. Altvorderen ihre spießigen Charaktermasken herunterzureißen.
Dieses Buch hat mich zutiefst berührt. Es ist nicht das Thema allein, sondern auch die Erzählweise, der Umgang mit Sätzen, mit Worten, die Gestaltung von Dialogen. Schier unglaublich, das literarische Talent dieses Erstlingswerks. Und so möchte ich zum Ende dieser Rezension noch einmal die Autorin zu Worte kommen lassen:
«Aber wenn man eine Fiktion hat, in der die Dinge Sinn ergeben, kann man womöglich besser zurechtkommen mit einer Realität, in der sie manchmal unklar bleiben und offen.»