Vier Leben im Schatten eines einzigen Traumas
Manche Romane erzählen eine Geschichte. Andere versuchen zu verstehen, warum Menschen werden, wie sie sind. Über vier Leben gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Im Mittelpunkt steht Mirabell, die sich in ihrem eigenen Leben fremd fühlt. Freundschaften gelingen ihr kaum, Beziehungen scheitern, beruflich findet sie keinen Halt und eine Therapie wird zum Ausgangspunkt einer schmerzhaften Spurensuche. Nach und nach richtet sich ihr Blick auf die Frauen ihrer Familie: ihre Mutter Sabine, die in einer unglücklichen und von Gewalt geprägten Ehe verharrt, ihre Großmutter Lisa und schließlich ihre Urgroßmutter Hannchen, deren Vergewaltigung zum Ursprung eines generationenübergreifenden Traumas wird.
Besonders eindrucksvoll ist die Frage, wie sich ein einzelnes traumatisches Ereignis über Jahrzehnte hinweg in den Leben nachfolgender Generationen fortsetzt. Der Roman zeigt eindringlich, wie gesellschaftliche Zwänge, familiäre Muster und unausgesprochene Verletzungen ineinandergreifen und Menschen prägen, lange bevor sie deren Ursprung überhaupt kennen.
Die Autorin wählt dafür einen ungewöhnlichen erzählerischen Zugang. Mirabell nähert sich ihren Vorfahrinnen schreibend an, gibt ihnen in ihrer Vorstellung Stimmen, Gedanken und Gesichter. Diese fiktionale Annäherung innerhalb der eigentlichen Handlung ist mutig, konnte mich persönlich jedoch nicht vollständig überzeugen. Auch die häufigen Perspektivwechsel zwischen den Figuren machten den Einstieg zunächst anspruchsvoll und gelegentlich etwas unübersichtlich.
Sprachlich ist der Roman außergewöhnlich stark. Mit einer beinahe nüchternen Härte vermittelt er die innere Welt einer depressiv verstummten Persönlichkeit. Die Hoffnungslosigkeit, die sich durch viele Passagen zieht, wirkt greifbar und authentisch. Gerade darin liegt die große Stärke des Buches – und zugleich seine größte Herausforderung. Nur selten öffnen sich kleine Momente der Zuversicht. Über weite Strecken erscheint die Welt trostlos, beinahe feindselig. Für mich überwog diese Schwere schließlich zu deutlich, sodass trotz der literarischen Qualität eine emotionale Distanz bestehen blieb.
Über vier Leben ist kein Roman, der durch äußere Handlung fesselt, sondern durch seine intensive Innenschau. Wer sich auf psychologische Tiefenbohrungen, generationsübergreifende Traumata und anspruchsvolle Erzählstrukturen einlassen möchte, findet hier ein eindrucksvolles, zugleich aber forderndes Leseerlebnis.