Wenn Sprachlosigkeit weitervererbt wird

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Mirabell ist für ihr Studium nach Leipzig gezogen, hat dort aber keinen Anschluss gefunden. Nach ihrem Abschluss bleiben ihre Bewerbungen erfolglos, auch mit Dating-Apps kommt sie nicht zurecht. In der Therapie spricht sie über ihre Einsamkeit und ihre Unfähigkeit, etwas daran zu ändern. Schließlich kommt sie auf die Idee, die Ursachen ihrer Probleme in der weiblichen Linie ihrer Familiengeschichte zu suchen. Über ihre Urgroßmutter Hannchen und ihre Großmutter Lisa weiß sie allerdings nur wenig, und ihre Mutter Sabine meidet tiefere Gespräche. Aus den wenigen Fakten rekonstruiert Mirabell entscheidende Lebensabschnitte der drei Frauen – in der Hoffnung, in deren Leidensgeschichte eine Erklärung für ihr eigenes Unglück zu finden.

Mirabells Familiengeschichte wird nicht chronologisch erzählt. In raschem Wechsel erfährt man Bruchstücke aus den Lebensgeschichten der einzelnen Frauen, die Mirabell anhand weniger Fakten in einen möglichen Zusammenhang bringt.

Hannchens Leidensgeschichte beginnt im Jahr 1930, als sie nicht nur sexuelle Gewalt erfährt, sondern von der Familie verachtet und schließlich sogar verstoßen wird. Die nichteheliche Tochter Lisa wächst bei der wenig empathischen Schwägerin Erna auf. Ihre Depression wird Ende der 1960er-Jahre nicht adäquat behandelt, und als sie Suizid begeht, ist ihre Tochter Sabine noch zu klein, um wirkliche Erinnerungen an ihre Mutter zu behalten. Obwohl Sabine Mitte der 1990er ganz andere Möglichkeiten für ihre Lebensplanung offenstanden, war der Wunsch nach Ehe und Familie so bestimmend, dass sie dafür alles in Kauf nahm. Für Mirabell ist Sabine die einzige der Frauen, die sie persönlich kennengelernt hat, und die Ehe ihrer Eltern ist als Vorbild für eine eigene, gleichberechtigte und respektvolle Beziehung wenig geeignet.

Am Ende ihrer Rekonstruktion hat Mirabell die Geschichte mehrerer Frauengenerationen ihrer Familie aus wenigen Bruchstücken zusammengesetzt – eine Geschichte von Schmerz und Gewalt, vom Leiden unter patriarchalen und fremdbestimmten gesellschaftlichen Strukturen. Sie kann so oder so ähnlich geschehen sein.

Sowohl sprachlich als auch vom Erzähltempo und von den Charakterzeichnungen her ist dieses Romandebüt in jeder Hinsicht absolut überzeugend. Man fühlt mit den Frauenfiguren, verzweifelt an der Ungerechtigkeit, die Hannchen erleben musste. Die inadäquate Reaktion auf Lisas Krankheit ist zutiefst deprimierend, das allmähliche Hinführen zu diesem unausweichlichen Schlusspunkt nur schwer zu ertragen. Am schlimmsten war für mich persönlich aber Sabines Geschichte auszuhalten, weil sie eigentlich andere Möglichkeiten hatte. Gleichzeitig sind es aber gerade die Gespräche zwischen Sabine und Mirabell, in denen deutlich wird, wie Verhalten und Sprachlosigkeit in Familien an die nächste Generation weitergegeben werden und deren Leben mitbestimmen.

Ein großartiger und sehr empfehlenswerter Roman, der lange nachhallt.