Wer wird von dir in 100Jahren erzählen?

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lin8208 Avatar

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Die Thematik von "Über vier Leben" mochte ich sehr gerne. Schon vor dem Lesestart empfand ich das verlorene Vergangene als unglaublich spannend - ganze Leben, die vor einem lagen und bis in die Gegenwart nachwirken, ohne dass man jemals wirklich wissen kann, was damals alles geschehen ist oder wie die eigenen Vorfahren gelebt haben. Es sind Wahrheiten, die man sich Stück für Stück zusammensetzen muss, weil niemand mehr die richtigen Anhaltspunkte aus jener Zeit besitzt. Manche meinen, man müsse dabei zwangsläufig etwas erfinden, um eine Geschichte schlüssig erzählen zu können. Doch auch Spekulationen können der Wahrheit entsprechen. Genau dies greift das Buch auf und hat mich von Anfang an neugierig gemacht.
Besonders spannend fand ich die Parallele zwischen Mirabell und der Autorin selbst, die diesen Prozess der Recherche und Nachforschung ebenfalls durchlebt hat, um ihre eigenen Wurzeln zu finden, zu erkennen, was vor ihr lag, und vor allem herauszufinden, wer diese Persönlichkeiten eigentlich waren. Dadurch wirkte die Geschichte sehr nahbar und vor allem nachvollziehbar. Zweifel, Unsicherheiten und die Herausforderungen einer solchen Spurensuche konnte sie dadurch sehr authentisch darstellen.
Auch die wechselnden Kapitelsichten haben mir gut gefallen, da sie mehr Einblick in die verschiedenen Generationen gewährten. Mirabells Geschichte im Jahr 2023 wird aus der Ich-Perspektive erzählt, während Lisa, Hannchen und Sabine durch einen Er-/Sie-Erzähler begleitet werden. Die Verwirrung, die dieser stetige Wechsel mit sich brachte, passte für mich gleichzeitig aber auch sehr gut zur Suche nach dem Vergangenen. Immer wieder tauchten neue Rätsel auf, obwohl man eigentlich nach Antworten sucht.
Zudem passte sich auch der Schreibstil den jeweiligen Lebenszeiten der Figuren an, was die unterschiedlichen Epochen zusätzlich unterstrich. Ebenso mochte ich den Wechsel der Schriftarten bei den eingefügten Dokumentenausschnitten, da diese die Rechercheatmosphäre noch greifbarer machten.
Besonders gelungen fand ich außerdem den kapitelübergreifenden Erzählstil. Wörter, Motive und Emotionen werden in den verschiedenen Perspektiven immer wieder aufgegriffen. Ein Kapitel endet mit einem Schlagwort, das im nächsten Kapitel erklärt wird, oder mit einer Emotion, die dort erneut aufgegriffen wird. Dadurch werden die Geschichten der Frauen miteinander verbunden und bieten einen roten Faden, an dem man sich durch die verschiedenen Zeitebenen entlanghangeln kann.
Ich muss letztlich jedoch gestehen, dass mir der Lesefluss nicht ganz so leicht gefallen ist, wie ich gehofft hatte. Vermutlich spiegelt diese Erzählweise den Verlauf einer solchen Recherchearbeit sehr authentisch wider - mit allen Umwegen, offenen Fragen und den vielen kleinen Puzzleteilen, die sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Für mich als Leserin war das jedoch stellenweise etwas hinderlich, um richtig in die Geschichte hineinzufinden.
Trotzdem bleibt "Über vier Leben" für mich ein spannender Roman über Erinnerung, Familiengeschichte und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Besonders die authentische Herangehensweise der Autorin und die enge Verknüpfung der Leben jeder Generation machen dieses Buch und seine Geschichte so eindrucksvoll.