Spannung unter der Oberfläche

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coni90 Avatar

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"Ultramarin" von Ann-Christin Krumm ist ein intensives psychologisches Drama über Abhängigkeit, Manipulation und die zerstörerische Dynamik einer Beziehung.

Im Mittelpunkt steht Lou, der gemeinsam mit seinem charismatischen Freund Raf und spontan auch der gleichaltrigen Nora an die dänische Küste reist. Schon früh wird deutlich, dass zwischen den dreien keine Urlaubsstimmung, sondern eine zunehmend beunruhigende Dynamik herrscht.

Der Roman wird vollständig aus Lous Perspektive erzählt. Dadurch erhält man einen sehr direkten Einblick in seine Gedankenwelt, wodurch sich nach und nach die ganze emotionale Komplexität der Situation entfaltet.

Besonders gelungen empfand ich dabei die Struktur mit wechselnden Zeitebenen. Während die Gegenwart die Reise zur Küste begleitete, führten Rückblenden zurück in Lous Teenagerzeit, als er Raf kennenlernte. Diese Kapitel halfen mir sehr dabei, die Dynamik zwischen den beiden Figuren zu verstehen.

Die Atmosphäre des Romans empfand ich von Beginn an als angespannt, beklemmend und unterschwellig bedrohlich. Zwischen den Figuren lag ständig etwas Ungesagtes in der Luft, als könnte die Situation jederzeit kippen. Besonders eindringlich war für mich dabei das Gefühl, dass Lou sich immer tiefer in einen Strudel hineinziehen ließ, aus dem er kaum noch herausfand.

Der Schreibstil hat mich allerdings zwiegespalten zurückgelassen. Gerade zu Beginn empfand ich diesen als recht herausfordernd. Die teilweise abgehackten Sätze, die indirekte Rede und die ungewöhnliche Zeichensetzung – wie z.B. Punkte statt Fragezeichen bei Lous Gedankengängen – wirkten zunächst sperrig und verlangten von mir einiges an Konzentration. Mit der Zeit habe ich mich jedoch daran gewöhnt, und je stärker die Spannung anzog, desto mehr flog ich über die Seiten hinweg.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist die psychologische Feinzeichnung. Die Geschichte zeigt sehr eindrücklich, wie Manipulation funktionieren kann und wie schwer es sein kann, sich aus solchen Dynamiken zu lösen. Die Figuren handelten oft widersprüchlich und manchmal auch verstörend, manchmal hätte ich sie gerne geschüttelt - emotional hat es mich voll gepackt! Die Spannung entstand dabei weniger durch klassische Action als durch das stetige Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut. Fragen, Andeutungen und kleine Details bauten sich langsam auf und sorgen dafür, dass ich unbedingt wissen wollte, wie alles zusammenhängt.

Das Finale konnte mich letztlich überraschen und rundete die Geschichte auf intensive Weise ab. Trotzdem hätte ich mir an manchen Stellen eine noch etwas stärkere Ausarbeitung gewünscht, insbesondere bei einigen Nebenfiguren und Entwicklungen. Insgesamt blieb der Roman aber ein fesselnder und eindringlicher Blick auf toxische Beziehungen und emotionale Abhängigkeit.

Wer hier eine sommerlich-leichte Urlaubsgeschichte erwartet, wird allerdings schnell merken: Diese Atmosphäre gibt es in diesem Buch nicht. Stattdessen entsteht eine dichte, teilweise beklemmende Stimmung, die einen bis zum Ende begleitet.