Toxisches Viereck

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Lou kennt Rafael/Raf und dessen Schwester Sophie seit der gemeinsamen Schulzeit. Inzwischen sind rund 10 Jahre vergangen, die das Triumvirat anhand der gemeinsamen Urlaubsreisen zählt: Rom, Korsika, Dänemark. Nach langer Zeit steht wieder das Ferienhaus von Rafs und Sophies Tante in Dänemark auf dem Programm. Dieses Mal ohne Sophie, die seit damals konsequent ihre Umweltschutzaktivität verfolgt hat und an einer Baumschutzaktion teilnehmen wird. Nora, Sophies Mitbewohnerin, sagt die Reise nicht ab, was die Frage aufwirft, ob das Projekt in dieser Kombination gutgehen kann. In Rückblenden in die Zeit ihres Kennenlernens erleben wir Lou, der seine Probleme konstant zwei Trennungen seiner Mutter und dem darauf folgenden Umzug nach Hamburg zuschreibt und das Geschwisterpaar, das nach dem frühen Tod der Mutter wie Sozialwaisen beim distanzierten Vater aufwächst. Für Raf und Sophie spielt Geld offenbar keine Rolle, während Lou sich allmählich um einen Job neben der Schule kümmern sollte, um aus seiner kindlich fordernden Rolle gegenüber seiner Mutter herauszutreten.

Seitdem die Geschwister studieren und Lou eine Ausbildung absolviert, wohnen die jungen Männer zusammen. Sophie zog zum Studium nach Kiel und lebt mit Nora zusammen, kann sich jedoch der Verantwortung für - den älteren - Raf nur schwer entziehen. Raf zeigt sich als manipulativer, gewalttätiger Typ, der wie aus dem Lehrbuch über Co-Abhängigkeit bei häuslicher Gewalt Lou als Dienstboten behandelt und die Verantwortung für sein toxisches Verhalten stets anderen zuschiebt. Lou dreht Raf Zigaretten, kocht Kaffee und bekocht die Gruppe im Urlaub, seit er eine Ausbildung als Bäcker abgeschlossen hat. Wie selbstverständlich hat Raf Sex mit zahlreichen Personen und legt Wert darauf, dass seine Tür dabei stets offensteht. Unterbrochen von besorgt klingenden Textnachrichten Sophies, baut Ann-Christin Kumm im Rückblick die Beziehung der aktuell vier Beteiligten auf und spannt ihre Leser:innen auf die Folter, was damals im Korsika-Urlaub mit Jakob geschah, der neu in die Klasse von Raf und Lou kam und so ganz anders war als Lou es von Raf gewöhnt war.

Fazit
Durch umfangreiche Rückblenden des Icherzählers, die lange die Entwicklung vom kindlich fordernden Lou zum erwachsenen Berufstätigen offenlassen, kommt die Geschichte für meinen Geschmack zu langsam in Gang. Mir fehlte bei Lou lange eine spürbare Entwicklung zum Mitte Zwanzigjährigen, der sich mittlerweile mit den Fehlern seiner Mutter versöhnt haben sollte. Der kurze Text von rund 220 Seiten eignet sich perfekt zur Diskussion in Literaturgruppen/Lesekreisen, vorausgesetzt, deren Teilnehmer gedulden sich bis zur überraschenden Wende.