Wenn das Blau des Sommers in schwarze Abgründe führt

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josephine5 Avatar

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„Ultramarin“ hat mich auf eine Weise aufgewühlt, die ich selten bei einem Debüt erlebe. Es ist definitiv kein „Wohlfühlbuch“, sondern eine literarische Provokation. Die Autorin schafft es hervorragend, die Unschärfe von Beziehungen darzustellen, in denen Anziehung und Verachtung so nah beieinander liegen, dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

Besonders fasziniert hat mich die feministische und queere Perspektive: Kumm zeigt schmerzhaft ehrlich, dass auch vermeintlich freie, unkonventionelle Lebensentwürfe nicht vor uralten, zerstörerischen Machtmustern geschützt sind. Lou als Charakter hat mich zeitweise fast wahnsinnig gemacht – man möchte ihn schütteln, ihn aus seiner unterwürfigen Rolle reißen, während man gleichzeitig tiefes Mitleid für seine Einsamkeit empfindet.

Raf hingegen ist der perfekte Antagonist der Moderne: Ein „geiler Macker“, der seine Privilegien wie eine Waffe führt. Das Ende des Romans bricht mit einer plötzlichen, brutalen Klarheit über einen herein, die mich noch lange nach dem Zuklappen des Buches beschäftigt hat. Ein kluges, irritierendes und absolut zeitgemäßes Buch, das ich jedem empfehle, der bereit ist, einen Blick in die menschlichen Abgründe zu werfen.