Wenn Liebe wehtut

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julirudi Avatar

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Der Roman Ultramarin von Ann-Christin Kumm wird aus der Perspektive von Lou erzählt und spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen begleiten wir ihn in seiner Schulzeit, als er gemeinsam mit Raf in einer Klasse ist. Zum anderen erleben wir die Gegenwart: Raf probiert sich durch verschiedene Studiengänge, während Lou in einer Bäckerei arbeitet.
Ausgangspunkt der Handlung ist ein geplanter Urlaub zu viert. Doch als Rafs Schwester Sophie kurzfristig absagt und nicht am Treffpunkt erscheint, taucht stattdessen ihre Freundin Nora auf – eine junge Frau, die Lou zuvor noch nie getroffen hat. Diese Reise bildet den Rahmen, in dem sich nach und nach die komplizierte Beziehung zwischen Lou und Raf entfaltet.

Auffällig ist dabei immer wieder Lous starke Fixierung auf Raf. Für ihn ist Raf der Mittelpunkt seines Lebens; seine Gedanken und Gefühle kreisen ständig um ihn. Zwischen den beiden besteht eine Art körperliche On-off-Beziehung – wenn man sie überhaupt so nennen kann. Lou kann sich auf Raf nicht verlassen. Immer wieder stößt er ihn von sich, reagiert distanziert, macht verletzende Bemerkungen oder belächelt Lous Gefühle. Auch körperlich hat Raf ihm bereits wehgetan.
Trotzdem sucht Lou die Schuld meist bei sich selbst. Er fragt sich ständig, was er falsch macht, und nimmt Raf sogar vor anderen in Schutz. Dass Raf nicht offen zu ihm steht, hat sich für Lou inzwischen so sehr normalisiert, dass er sich kaum noch vorstellen kann, wie eine gesunde Beziehung aussehen könnte – eine, in der zwei Menschen sich gegenseitig respektieren und aufeinander achten.

Lou wirkt über weite Strecken verloren und entwurzelt. Er fühlt sich einsam und unverstanden. In Gesprächen fehlen ihm oft die Worte, weshalb er lieber schweigt. Die toxische Dynamik zwischen ihm und Raf steuert schließlich auf ein tragisches Ende zu – eines, das vielleicht auch als eine Art Erlösung für Lou gelesen werden kann.

Sprachlich lässt sich der Roman sehr flüssig lesen. Was mir persönlich jedoch weniger gefallen hat, ist die Gestaltung der direkten Rede ohne Satzzeichen. Manchmal musste ich Sätze noch einmal lesen, um zu erkennen, ob es sich um eine Frage oder eine Aussage handelt. Das ist eine bewusste stilistische Entscheidung der Autorin, die für manche Leserinnen und Leser gut funktionieren mag – für mich war sie stellenweise eher ein Hindernis.

Zum Schluss möchte ich noch das Cover erwähnen, das sehr schön und ansprechend gestaltet ist. Es vermittelt zunächst den Eindruck einer leichten Urlaubslektüre, lenkt aber ein wenig vom eigentlichen Thema ab: der schmerzhaften, toxischen und einseitigen Liebesbeziehung zwischen Lou und Raf. Trotz der Schwere der Geschichte bleibt am Ende jedoch ein kleiner Schimmer Hoffnung.