Leise erschütternd
Der Roman "Und alles zerbricht" ist Teil 1 einer Trilogie von Maxine Reuker und beginnt angenehm leicht: Mila lebt mit ihren Eltern in Berlin, verbringt einen unbeschwerten Sommeranfang mit ihrer besten Freundin Juno und genießt die typischen Freiheiten des Teenagerlebens. Diese Anfangskapitel sind geprägt von einer warmen, sommerlichen Atmosphäre und nostalgischen Kindheitserinnerungen wie z.B. kleinen Momenten wie einer Benjamin-Blümchen-Torte, die das Leben der Protagonistin greifbar und authentisch machen.
Doch dieser unbeschwerte Einstieg wird jäh unterbrochen, als Milas Familie in die Schweiz zieht. Für sie bricht eine Welt zusammen. Die neue Umgebung verstärkt ihre Einsamkeit, während sie emotional immer weiter abrutscht. Besonders eindringlich schildert die Autorin, wie Mila beginnt, ihren Kummer mit Essen zu kompensieren und wie sich daraus schleichend eine Essstörung entwickelt. Der Weg dorthin ist erschreckend realistisch beschrieben: von ersten Diättipps aus dem Internet bis hin zur völligen Verzerrung des eigenen Körperbildes.
Gerade diese Entwicklung gehört zu den größten Stärken des Romans. Die Autorin zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Selbstwahrnehmung Stück für Stück verändert und wie schwer es für Betroffene ist, überhaupt zu erkennen, dass sie krank sind und Hilfe brauchen. Als Leser*in habe ich intensiv mit Mila mitgelitten. Auch, weil sie noch so jung ist und die Informationen, die sie konsumiert, kaum einordnen kann.
Hinzu kommt das schwierige familiäre Umfeld: Die Mutter ist durch ihre Arbeit kaum präsent, während der Vater seine eigene Einsamkeit im Alkohol ertränkt. Allerdings bleibt gerade der Aspekt der Alkoholabhängigkeit etwas zu oberflächlich behandelt, obwohl er großes erzählerisches Potenzial bietet.
Ein weiterer zentraler Teil der Geschichte spielt in der Klinik, in die Mila schließlich geht, um sich mit ihrer Essstörung auseinanderzusetzen. Die dortigen Regeln wirken teilweise erschreckend streng - etwa wenn Patient*innen beim Essen nicht aufstehen dürfen, um keinen zusätzlichen Kalorienverbrauch zu riskieren. Diese Einblicke empfand ich als beklemmend und verdeutlichten, wie komplex und herausfordernd der Weg zur Genesung ist. Gleichzeitig hätte ich mir hier stellenweise noch mehr Tiefe in Milas therapeutischer Entwicklung gewünscht. Denn in der Klinik entwickelt sich schon fast zu Beginn eine Liebesgeschichte zwischen Mila und Nicolas, dem Sohn des Institutsleiters. Diese bringt zwar eine gewisse Leichtigkeit in die ansonsten sehr schwere Thematik und ist stellenweise auch wirklich süß, entwickelt sich jedoch sehr schnell und entzieht der Essstörung den Fokus. Emotional konnte ich nicht immer ganz nachvollziehen, wie rasch sich die Beziehung intensiviert, ist aber typisch für das Alter der Figuren. Zwischenzeitlich wirkte es auf mich sogar so, als könnte Nicolas Milas verletzliche Situation ausnutzen, was jedoch später durch sein professionelles Verhalten während eines Rückfalls überzeugend aufgelöst wurde.
Sprachlich ist der Roman sehr zugänglich und flüssig geschrieben, was ihn trotz der schweren Themen schnell lesbar macht. Gleichzeitig darf man sich davon nicht täuschen lassen: Inhaltlich ist das Buch harter Tobak. Die Darstellung von Essstörung (und Alkoholmissbrauch) ist intensiv und kann insbesondere für Leser*innen mit persönlichem Bezug sehr triggernd sein.
Zum Ende hin nimmt die Geschichte eine etwas typischere Jugendroman-Entwicklung an. Die Essstörung rückt weiter in den Hintergrund, während Milas Fortschritte für mein Gefühl vergleichsweise schnell und fast im Zeitraffer erfolgen. Das wirkte auf mich angesichts der zuvor sehr realistischen Darstellung etwas zu knapp und einfach gelöst. Auch ein später eingeführtes Kapitel aus Nicolas’ Perspektive fand ich zwar gelungen, allerdings erschien mir sein Verhalten danach teilweise nicht ganz stimmig – das daraus entstehende Drama wirkte auf mich eher konstruiert.
Kleine Schwächen zeigten sich zudem in vereinzelten Zeitsprüngen, die nicht immer klar gekennzeichnet waren und meinen Lesefluss kurzzeitig unterbrachen.
Fazit: "Und alles zerbricht" ist ein emotional intensiver und erschütternd ehrlicher Roman über Essstörungen, Selbstwahrnehmung und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Trotz kleiner Schwächen in der Umsetzung und eines etwas zu schnellen Endes überzeugte mich das Buch durch seine eindringliche Darstellung und seinen packenden Schreibstil.
Keine leichte Kost – aber ein wichtiges und sehr bewegendes Buch, das nachhallt. Ich bin definitiv gespannt auf die Fortsetzung!
Doch dieser unbeschwerte Einstieg wird jäh unterbrochen, als Milas Familie in die Schweiz zieht. Für sie bricht eine Welt zusammen. Die neue Umgebung verstärkt ihre Einsamkeit, während sie emotional immer weiter abrutscht. Besonders eindringlich schildert die Autorin, wie Mila beginnt, ihren Kummer mit Essen zu kompensieren und wie sich daraus schleichend eine Essstörung entwickelt. Der Weg dorthin ist erschreckend realistisch beschrieben: von ersten Diättipps aus dem Internet bis hin zur völligen Verzerrung des eigenen Körperbildes.
Gerade diese Entwicklung gehört zu den größten Stärken des Romans. Die Autorin zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Selbstwahrnehmung Stück für Stück verändert und wie schwer es für Betroffene ist, überhaupt zu erkennen, dass sie krank sind und Hilfe brauchen. Als Leser*in habe ich intensiv mit Mila mitgelitten. Auch, weil sie noch so jung ist und die Informationen, die sie konsumiert, kaum einordnen kann.
Hinzu kommt das schwierige familiäre Umfeld: Die Mutter ist durch ihre Arbeit kaum präsent, während der Vater seine eigene Einsamkeit im Alkohol ertränkt. Allerdings bleibt gerade der Aspekt der Alkoholabhängigkeit etwas zu oberflächlich behandelt, obwohl er großes erzählerisches Potenzial bietet.
Ein weiterer zentraler Teil der Geschichte spielt in der Klinik, in die Mila schließlich geht, um sich mit ihrer Essstörung auseinanderzusetzen. Die dortigen Regeln wirken teilweise erschreckend streng - etwa wenn Patient*innen beim Essen nicht aufstehen dürfen, um keinen zusätzlichen Kalorienverbrauch zu riskieren. Diese Einblicke empfand ich als beklemmend und verdeutlichten, wie komplex und herausfordernd der Weg zur Genesung ist. Gleichzeitig hätte ich mir hier stellenweise noch mehr Tiefe in Milas therapeutischer Entwicklung gewünscht. Denn in der Klinik entwickelt sich schon fast zu Beginn eine Liebesgeschichte zwischen Mila und Nicolas, dem Sohn des Institutsleiters. Diese bringt zwar eine gewisse Leichtigkeit in die ansonsten sehr schwere Thematik und ist stellenweise auch wirklich süß, entwickelt sich jedoch sehr schnell und entzieht der Essstörung den Fokus. Emotional konnte ich nicht immer ganz nachvollziehen, wie rasch sich die Beziehung intensiviert, ist aber typisch für das Alter der Figuren. Zwischenzeitlich wirkte es auf mich sogar so, als könnte Nicolas Milas verletzliche Situation ausnutzen, was jedoch später durch sein professionelles Verhalten während eines Rückfalls überzeugend aufgelöst wurde.
Sprachlich ist der Roman sehr zugänglich und flüssig geschrieben, was ihn trotz der schweren Themen schnell lesbar macht. Gleichzeitig darf man sich davon nicht täuschen lassen: Inhaltlich ist das Buch harter Tobak. Die Darstellung von Essstörung (und Alkoholmissbrauch) ist intensiv und kann insbesondere für Leser*innen mit persönlichem Bezug sehr triggernd sein.
Zum Ende hin nimmt die Geschichte eine etwas typischere Jugendroman-Entwicklung an. Die Essstörung rückt weiter in den Hintergrund, während Milas Fortschritte für mein Gefühl vergleichsweise schnell und fast im Zeitraffer erfolgen. Das wirkte auf mich angesichts der zuvor sehr realistischen Darstellung etwas zu knapp und einfach gelöst. Auch ein später eingeführtes Kapitel aus Nicolas’ Perspektive fand ich zwar gelungen, allerdings erschien mir sein Verhalten danach teilweise nicht ganz stimmig – das daraus entstehende Drama wirkte auf mich eher konstruiert.
Kleine Schwächen zeigten sich zudem in vereinzelten Zeitsprüngen, die nicht immer klar gekennzeichnet waren und meinen Lesefluss kurzzeitig unterbrachen.
Fazit: "Und alles zerbricht" ist ein emotional intensiver und erschütternd ehrlicher Roman über Essstörungen, Selbstwahrnehmung und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren. Trotz kleiner Schwächen in der Umsetzung und eines etwas zu schnellen Endes überzeugte mich das Buch durch seine eindringliche Darstellung und seinen packenden Schreibstil.
Keine leichte Kost – aber ein wichtiges und sehr bewegendes Buch, das nachhallt. Ich bin definitiv gespannt auf die Fortsetzung!