Und plötzlich fehlt die gemeinsame Zeit

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
thomsen_ Avatar

Von

Als Sebastian Becker 28 Jahre alt ist, stirbt sein Vater völlig unerwartet nach einem Sturz beim Wandern.

Fünf Jahre später schreibt er über die ersten Stunden und Tage danach, über seinen Vater, ihre nicht immer einfache Beziehung und über die Erinnerungen, die geblieben sind.

„Die Trauer kam an einem Samstag. Ein kurzer Anruf – und dann war sie da, stand vor der Tür.“

So beginnt das 176 Seiten umfassende Buch.

Und diese Trauer bleibt. Anfangs steht sie noch wie ein ungebetener Gast vor der Tür, später beschreibt Sebastian sie als Mitbewohnerin. Sie verschwindet nicht, aber irgendwann gehört sie zu seinem Leben.

Das Buch ist autobiografisch und sehr nah an Sebastians eigenen Erinnerungen. Obwohl zwischen dem Tod seines Vaters und der Veröffentlichung inzwischen fünf Jahre liegen, wirken viele Szenen erstaunlich unmittelbar. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht versucht, alles lückenlos nachzuerzählen. Es sind einzelne Bilder, Sätze und scheinbar nebensächliche Dinge, die sich festgesetzt haben.

Dabei macht er aus der Beziehung zu seinem Vater im Nachhinein keine perfekte Vater-Sohn-Geschichte. Nach der Trennung der Eltern fehlte lange der gemeinsame Alltag, manches blieb fremd zwischen ihnen. Später fanden sie wieder mehr zueinander. Und gerade als beide darüber sprachen, die verpasste gemeinsame Zeit nachholen zu wollen, war diese Zeit plötzlich nicht mehr da.Sebastian trauert nicht nur um seinen Vater, sondern auch um das, was zwischen ihnen vielleicht noch hätte entstehen können.

Die Kapitel sind sehr kurz, manchmal nur ein oder zwei Seiten lang. Dazwischen stehen immer wieder handschriftliche Sätze in Sebastians unverkennbarer Schrift:

„UND MITTENDRIN FÄNGT WAS AN EINFACH AUFZUHÖREN“
oder

„DEIN HEIMWEH VERMISST KEINEN ORT, SONDERN EIN GEFÜHL“

Das erinnert an Sebastian Beckers Instagram-Seite, auf der er als Tschief seit Jahren solche kurzen poetischen Gedanken veröffentlicht.

Trotz der geringen Seitenzahl konnte ich das Buch nicht einfach am Stück lesen. Ich musste es immer wieder weglegen. Nicht weil es sich schwer liest, sondern weil diese Nähe zu Tod, Verlust und Erinnerung irgendwann viel wird.

Eine eigentliche Handlung gibt es kaum. Stattdessen sind es Situationen, die hängen bleiben. Menschen sitzen lachend vor einem Eiscafé und Sebastian fragt sich nur, wie sie das können. Am Grab spürt er überhaupt nichts, im Wald danach meint er seinen Vater plötzlich überall wiederzufinden.

Genau diese Szenen mochte ich am meisten. Wenn Sebastian nicht versucht, einen besonders schönen Satz über Trauer zu schreiben, sondern einfach erzählt, was da war.

Für mich ist das am Ende auch nicht nur ein Buch über Abschied. Eigentlich verabschiedet Sebastian sich gar nicht endgültig von seinem Vater. Er findet ihn immer wieder in Schnee, Wald, Licht, Gerüchen und Erinnerungen.

Ein sehr persönliches und stellenweise wirklich berührendes Buch. An manchen Stellen war es mir allerdings etwas zu viel. Zu viele poetische Gedanken, zu viele Sätze, die unbedingt hängen bleiben wollen. Die stärksten Momente waren für mich oft die leisesten.

3 von 5 ⭐