Interessante Perspektive
Das Buch liest sich prima und beleuchtet Geschichte nochmal aus einem anderen Blickwinkel. Dora gehört zur Generation unserer Großmütter, Urgroßmütter oder Mütter. Und wahrscheinlich haben wir alle inzwischen unsere Erklärungen für das (nicht durchgängige, aber sehr verbreitete) Schweigen dieser Generation über die Nazizeit. Ute Mank liefert in diesem Buch nochmal einen weiteren Erklärungsansatz: Ohne gleich selbst Verbrechen begangen zu haben, ohne selbst überzeugte Nazis und Antisemiten gewesen zu sein, aber auch ohne, dass sie „nur“ Rädchen im System waren, von dem sie profitierten, haben viele Menschen in ihrem Umfeld sehenden Auges, einfach nur, weil es für sie etwas komfortabler war, schleichend im Stich gelassen. Es war sehr spannend, Dora bei ihrer Auseinandersetzung damit zu betrachten. Ein paar Sätze aus dem Buch von einem Protagonisten und einer Autorin, die, soweit ich erkennen kann, den Nationalsozialismus nicht beschönigen: „Wie viel Tapferkeit dazugehörte, sich ehrlich zu fragen, wo man schuldig geworden war, ohne daran noch etwas ändern zu können. Nicht viele Menschen brachten das fertig am Ende ihres Lebens.“ Interessant fand ich außerdem (gerade vor dem Hintergrund, in Dora meine älteren Verwandten zu sehen) die Schilderungen zu Beginn des Buchs: Wie Dora mit dem Verlust ihres langjährigen Partners umgeht und (eben nicht gut) klarkommt. Wie sie spontan ihr Lebensumfeld aufgibt, um es dann aber sofort zu bereuen, weil sie nicht vorausbedacht hat, was das System „Heim“ bedeutet (noch bevor ihr klar wird, wie sie mit der Vergangenheit konfrontiert wird). Das Buch hat mM ein paar Längen bei der Schilderung von Doras Wegen durch den Ort, deshalb möchte ich nicht gleich 5 Sterne vergeben. Aber: Von mir eine klare Leseempfehlung!