Warum nur weiß man immer erst hinterher, dass man jemanden zum letzten Mal gesehen hat
Ute Manks Protagonistin Dora kehrt im Roman „Und mittendrin der Birnbaum“ erst als alte Frau wieder nach Hausen zurück. Sie verließ das Dorf nach Ende des zweiten Weltkriegs. Als Dora nun wieder durch die gleichzeitig fremden wie vertrauten Straßen spaziert, vorbei an ihrem Elternhaus, steht sie plötzlich vor dem Haus ihrer ehemals besten Freundin Fanny. Dort wurden vier Stolpersteine verlegt. Dora ist fassungslos: warum fehlt der Stein von Fanny? Was ist mit ihr passiert?
Gemeinsam mit der jungen Pina begibt Dora sich auf Spurensuche. Ohne Pina zu sagen, dass sie so eng mit Fanny befreundet war, decken sie nach und nach das Schicksal von Fanny auf. Und auch Dora muss sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen …
„Vielleicht war es aber auch einfach so, dass, wenn man erst einmal einen Zipfel der Decke, die über der Vergangenheit lag, anhob, immer mehr zum Vorschein kam. Ob man wollte oder nicht.“
Besonders anfangs tat ich mir sehr schwer mit dem Schreibstil, es kam irgendwie kein Lesefluss auf. Doch nach und nach wurde ich gefesselt, vor allem die Rückblenden in die NS-Vergangenheit im Dorf fand ich sehr berührend.
„Die ganze Jokops-Familie war noch da. Die Amerikareise war abgeblasen worden. Warum, hatte Dora nicht verstanden. Obwohl Fanny es ihr erklärt hatte. Von einem speziellen Konto hatte sie gesprochen, auf das auch Bachkriemers das Geld fürs Haus hätten einzahlen müssen. Dann sei dieses Konto gesperrt worden. Der Vater müsse sich jede Abhebung genehmigen lassen.
Dora hatte keine Ahnung von Konten. […]
Fanny hingegen war sehr erwachsen geworden und kannte sich in Erwachsenendingen aus. Miete müssten sie nun auch zahlen, klagte sie. Das Haus gehöre ihnen ja nicht mehr. Arm seien sie auf einmal. An Amerika sei nicht mehr zu denken. Aber es sei ja sowieso längst zu spät.
Dora hörte sich das alles an, spürte die Not, Fanny, ach, die ganze Familie tat ihr unendlich leid. Sie sagte es jedes Mal: ‚Fanny, das tut mir alles so leid.‘ Was sie nicht sagte, nicht sagen konnte, weil es so egoistisch war: Sie war froh, dass Fanny in Hausen bleiben würde. Amerika. Für immer. Sie hätten sich doch nie wiedergesehen.
So konnte sie sich zu Fanny schleichen. Obwohl sie Angst hatte.
Ihre Freundschaft war zu etwas Gefährlichem erklärt worden. Wie wenn man ein Etikett irgendwo draufklebte. Giftig! Und niemand mehr sollte die Berechtigung dieser Warnung überprüfen wollen.
Dora weigerte sich, ihr Folge zu leisten. Dennoch kamen ihr die Besuche bei Fanny und ihrer Familie vor, als betrete sie eine bedrückende Unterwelt. Aus der sie selbst problemlos auftauchen konnte in eine Welt, die sich für sie selbst immer besser anließ.“
Pina hat mir als Protagonistin gut gefallen. Insgesamt blieben die Figuren allesamt etwas blass. Auch fand ich die Masse an Namen von Personen plus „Hausnamen“ im Dorf etwas herausfordernd; hier wäre eine Übersicht hilfreich gewesen.
Dennoch ist „Und mittendrin der Birnbaum“ ein bewegender Roman über Freundschaft, Schuld und Verdrängung sowie Kollektives Schweigen und Wegschauen.
Vielen Dank an den dtv Verlag und Vorablesen.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚
Gemeinsam mit der jungen Pina begibt Dora sich auf Spurensuche. Ohne Pina zu sagen, dass sie so eng mit Fanny befreundet war, decken sie nach und nach das Schicksal von Fanny auf. Und auch Dora muss sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen …
„Vielleicht war es aber auch einfach so, dass, wenn man erst einmal einen Zipfel der Decke, die über der Vergangenheit lag, anhob, immer mehr zum Vorschein kam. Ob man wollte oder nicht.“
Besonders anfangs tat ich mir sehr schwer mit dem Schreibstil, es kam irgendwie kein Lesefluss auf. Doch nach und nach wurde ich gefesselt, vor allem die Rückblenden in die NS-Vergangenheit im Dorf fand ich sehr berührend.
„Die ganze Jokops-Familie war noch da. Die Amerikareise war abgeblasen worden. Warum, hatte Dora nicht verstanden. Obwohl Fanny es ihr erklärt hatte. Von einem speziellen Konto hatte sie gesprochen, auf das auch Bachkriemers das Geld fürs Haus hätten einzahlen müssen. Dann sei dieses Konto gesperrt worden. Der Vater müsse sich jede Abhebung genehmigen lassen.
Dora hatte keine Ahnung von Konten. […]
Fanny hingegen war sehr erwachsen geworden und kannte sich in Erwachsenendingen aus. Miete müssten sie nun auch zahlen, klagte sie. Das Haus gehöre ihnen ja nicht mehr. Arm seien sie auf einmal. An Amerika sei nicht mehr zu denken. Aber es sei ja sowieso längst zu spät.
Dora hörte sich das alles an, spürte die Not, Fanny, ach, die ganze Familie tat ihr unendlich leid. Sie sagte es jedes Mal: ‚Fanny, das tut mir alles so leid.‘ Was sie nicht sagte, nicht sagen konnte, weil es so egoistisch war: Sie war froh, dass Fanny in Hausen bleiben würde. Amerika. Für immer. Sie hätten sich doch nie wiedergesehen.
So konnte sie sich zu Fanny schleichen. Obwohl sie Angst hatte.
Ihre Freundschaft war zu etwas Gefährlichem erklärt worden. Wie wenn man ein Etikett irgendwo draufklebte. Giftig! Und niemand mehr sollte die Berechtigung dieser Warnung überprüfen wollen.
Dora weigerte sich, ihr Folge zu leisten. Dennoch kamen ihr die Besuche bei Fanny und ihrer Familie vor, als betrete sie eine bedrückende Unterwelt. Aus der sie selbst problemlos auftauchen konnte in eine Welt, die sich für sie selbst immer besser anließ.“
Pina hat mir als Protagonistin gut gefallen. Insgesamt blieben die Figuren allesamt etwas blass. Auch fand ich die Masse an Namen von Personen plus „Hausnamen“ im Dorf etwas herausfordernd; hier wäre eine Übersicht hilfreich gewesen.
Dennoch ist „Und mittendrin der Birnbaum“ ein bewegender Roman über Freundschaft, Schuld und Verdrängung sowie Kollektives Schweigen und Wegschauen.
Vielen Dank an den dtv Verlag und Vorablesen.de für das Rezensionsexemplar! 📚💚