Amazonenkönigin

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Der Beginn des Buches hat mich sofort in seinen Bann gezogen, da er geschickt zwei verschiedene Zeitebenen miteinander verknüpft. Das erste Kapitel führt über das Symbol eines Kirschholzschranks, der über Generationen hinweg vererbt wurde, in die Familiengeschichte ein. Dieser Schrank dient als roter Faden und verbindet die Urgroßmutter Margarethe im Jahr 1912 mit der heutigen Erzählerin. Besonders faszinierend finde ich den Moment, in dem die Erzählerin beschreibt, dass sie nun die Tagebücher ihrer Vorfahrinnen in genau diesen Schrank stellt. Dies erzeugt eine unmittelbare Neugier auf die darin verborgenen Geheimnisse.
Die Sprache von Miriam Carbe ist sehr bildhaft und präzise. Sie schafft es, die Atmosphäre des bürgerlichen Dresdens vor dem Ersten Weltkrieg lebendig werden zu lassen. Besonders beeindruckend ist die Schilderung der „Villa Parsifal“ und der strengen Erziehung der Mädchen. Die Autorin nutzt feine Details – wie das Mosaik eines Schwans im Wintergarten oder die stickende Mutter –, um die gesellschaftlichen Zwänge und die unterdrückte Wildheit der jungen Margarethe darzustellen. Der Kontrast zwischen der „endlosen Wüste voller Zeit“ im Kinderzimmer und dem Freiheitsgefühl im Garten ist sprachlich toll umgesetzt.
Nach Abschluss der Leseprobe habe ich ein sehr großes Interesse daran, das Buch weiterzulesen. Die Figur der Margarethe, die sich als „Amazonenkönigin“ sieht und gegen die Rollenbilder ihrer Zeit aufbegehrt, ist eine starke Protagonistin. Die Andeutung im Klappentext, dass es später zu einem tiefen Zerwürfnis wegen eines unehelichen schwarzen Kindes kommen wird, verleiht der Geschichte eine zusätzliche, spannungsgeladene Dimension.