Bildhafte Mehrgenerationengeschichte

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gretchensfragen Avatar

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Der Roman Unerwünschte Töchter spricht mich besonders durch die Mehrgenerationenperspektive an, durch die Erfahrungen, Verletzungen und Sehnsüchte, die sich über Generationen hinweg fortschreiben und verändern.

Sprachlich hat mich der Roman schnell in seinen Bann gezogen. Die Atmosphäre ist dicht, getragen von einer bildhaften, detailreichen Sprache, die mit vielen Adjektiven arbeitet, ohne je überladen zu wirken. Einzelne Sätze entfalten dabei eine besondere Kraft, etwa wenn es heißt: „Auf dem Foto […] sieht man sie schweigen, die Mutter.“ (S. 16) Solche Momente verdichten Emotionen auf eindringliche Weise.
Dabei scheinen auch Gegenstände eine bemerkenswerte Rolle zu spielen. Immer wieder tauchen Dinge auf - beginnend mit der Kommode, aber auch etwa dem Puppenhaus -, die mehr sind als bloße Requisiten. Sie tragen Geschichte in sich, wirken fast beseelt und verbinden die Figuren über Zeit und Raum hinweg.

Auch die Figurenzeichnung ist eindrucksvoll, in der Leseprobe vor allem in Verbindung mit der Darstellung der Kindheit, die eines wilden Mädchens ("Wildfang" (S. 20)), das gemeinsam mit den Geschwistern in Sonntagskleidern schaukelt oder ein Neugeborenes zum Spielen mitnimmt, um sich die Königinnenrolle zu sichern. Als Leser*in lassen einen diese Szenen den Atem aus Sorge, dass etwas Unheilvolles passiert, anhalten.

Interessant fand ich zudem, wie gut die Stimmung der damaligen Zeit durchkommt. So zum Beispiel die unterschwellige Faszination für das Übersinnliche, etwa in Form von Telepathie, der beinahe magischen Wahrnehmung neuer Errungenschaften wie der Elektrizität und der Fortschrittsglaube. Aussagen wie „[...] dieses zwanzigste Jahrhundert ist noch jung und vermag so viel Gutes bereitzuhalten“ (S. 28) liest man* im Wissen um die kommenden historischen Katastrophen mit einer leisen Beklemmung.

Insgesamt bin ich sehr schnell in den Lesefluss gekommen und habe große Lust, weiterzulesen. Vor allem interessiert mich, wie sich die familiären Spannungen und Brüche im weiteren Verlauf entwickeln und welche Perspektiven die Autorin auf Identität und Herkunft eröffnet.