Generationen hinter Glas – Ein Schrank erzählt Geschichte

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davina Avatar

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Der Beginn von Unerwünschte Töchter hat mich sofort durch seine besondere Erzählperspektive fasziniert. Miriam Carbe wählt ein ebenso simples wie geniales Symbol für den Auftakt ihrer Familiensaga: einen Kirschholzschrank. Dass die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg an einem Möbelstück festgemacht wird, von der Anfertigung 1912 in Dresden bis hin zum Transport in einem kleinen Mietwagen in der Gegenwart, verleiht dem Roman eine greifbare, fast intime Struktur.

Die Sprache ist dabei angenehm unaufgeregt, aber dennoch bildhaft und präzise. Besonders der Kontrast zwischen der bürgerlichen Welt der Urgroßmutter Margarethe und der modernen, eher prekären Lebensrealität der Enkelgeneration wird sprachlich fein herausgearbeitet. Die Leseprobe schafft es, die Schwere der deutschen Geschichte (Weltkriege, Flucht, soziale Umbrüche) mit kleinen, menschlichen Details zu verweben, wie etwa den magnetischen Ziegenböcken im Schrank oder den Staubkörnern im Sonnenlicht.

Nach Abschluss der Leseprobe ist mein Interesse definitiv geweckt. Vor allem der Klappentext, der ein „zerreißendes Zerwürfnis“ wegen eines unehelichen schwarzen Kindes in den Sechzigerjahren ankündigt, verspricht eine spannende Auseinandersetzung mit Identität und Vorurteilen innerhalb einer Familie. Ich möchte unbedingt erfahren, wie sich die emanzipatorischen Wege der vier Frauen: Margarethe, Marianne, Monika und Miriam, weiter entfalten und wie die Autorin ihre eigene Herkunft in dieses „Meisterwerk“ eingewebt hat.