Das Zittern des Tieres im göttlichen Menschen

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owenmeany Avatar

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Miriam Carbe beschreibt die Lebenswege ihrer Urgroßmutter, Oma, Mutter und die Anfänge ihres eigenen relativ chronologisch durch das gesamte 20. Jahrhundert hindurch und verknüpft diese mit den jeweiligen Zeitumständen. Wegen des langen Lebens von Margarethe, der ältesten, läuft da vieles parallel. Das Material für ihre Biografien verdankt Carbe den konsequent geführten und aufbewahrten Tagebüchern aller, die zugleich für Subjektivität und Authentizität bürgen, wenn sie auch im Interview (auf youtube anzuschauen) einräumt, aus erzähltechnischen Gründen das eine oder andere Detail dazuerfunden zu haben.

Schon der Titel lässt auf die schwierige Situation des weiblichen Geschlechts schließen, das sich zu keiner Zeit aus seiner Abhängigkeit befreien kann. Margarethe, "höhere Tochter", intelligent, eigensinnig und belesen, setzt eine Ausbildung und spätere Tätigkeit als Kindergärtnerin durch. Ihr Lebtag schwebt die Traumtänzerin in höheren Sphären, anders als ihre praktische, sportliche, zupackende Tochter Marianne, bei der aber bedingt durch die Nazizeit und den Krieg der soziale Abstieg beginnt. Die Fährnisse des Nachkriegsdeutschland spiegeln sich in der Familie, besonders auch in der rebellischen Tochter Monika. Vor dem Mauerbau siedeln sie aus Thüringen über in die BRD, wo diese sich an der Universität der 68er-Bewegung anschließt und durch die Geburt ihrer Tochter Miriam von einem nigerianischen Vater einen Skandal verursacht.

Alle ringen - meistens vergeblich - um ihre gesellschaftliche Position, getragen von einem starken Bildungsdünkel. So durchziehen den gesamten Text literarische Zitate, vorrangig von Goethe, später aber auch von zeitgenössischen Schlagern. In ihrer metaphernreichen, sinnlichen Sprache bleibt Carbe trotzdem jederzeit realistisch. Sie beschönigt nichts und vermeidet jegliche Gefühlsduselei, manchmal von einem Hauch Ironie verklärt.

Stark berührt hat mich das distanziert liebevolle Porträt der psychisch kranken hochbegabten Mutter Monika, deren Vita mich gerade zum Ende hin sehr fesselt und die für mich in ihrem literarischen und gesellschaftspolitischen Schaffen eine wahre Entdeckung darstellt.