Durch das Raue zu den Sternen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
galaxaura Avatar

Von

„Unerwünschte Töchter“ von Miriam Carbe, erschienen 2026 bei Hanser, ist ein Jahrhundertroman, der auf besondere Art die Welt aus der weiblichen Perspektive erzählt und mich komplett begeistert hat, definitiv ein Jahreshighlight 2026.

Wir folgen vier Generationen von Frauen, der Urgroßmutter Margarethe, der Großmutter Marianne, der Mutter Monika sowie deren Tochter Miriam aka die Autorin selbst. Schon in den Namen zeigt sich der schöne Mikrofeminismus, der sich durch den Roman zieht, die gewählten Vornamen alle mit M sollen in der Familie die wahre Abkunft über die weibliche Linie anzeigen (statt der bei der Heirat angenommenen Nachnamen der Väter). Mit den Frauen reist ein Schrank durch die Generationen – ein sehr schönes Bild, denn der Schrank speichert sowohl Wissen als auch Emotion und Tradition. Ein Schrank als Generationsgedächtnis. Schade, dass das Bild zwischendurch etwas verlorenging – aber am Ende war es zum Glück wieder da.

Zeitlich beginnend noch vor dem ersten Weltkrieg, fasst das Buch ein ganzes Jahrhundert mit zwei Kriegen und der Teilung eines Landes und lässt dabei historisch nichts aus, macht aber eben diese Historie immer rein auf der menschlichen Ebene erfahrbar. Das Buch ist einfach wundervoll geschrieben, allerdings muss man auch ein bisschen dranbleiben können. Da auch teilweise ein bisschen nach vorn und hinten gesprungen wird, habe ich etwas gebraucht, alles ordnen zu können. Ein Jahrhundert enthält natürlich auch unendlich viele Themen. Was ich wirklich gelungen fand, ist, dass Carbe die Frauen zu keinem Zeitpunkt romantisiert. Ganz im Gegenteil lesen wir hier Figuren, denen ich sehr zwiespältig gegenüberstehe. Was auffällt, ist die Schwierigkeit aller Figuren, echte Beziehungen einzugehen. Und wie sie sich alle daran abarbeiten, gesehen zu werden, dazu zu gehören. Das zieht sich als Muster durch die Generationen.

Auch sehr gut herausgearbeitet von Carbe ist, wie sich das Nazi-Gedankengut aufbaut und breitmacht – und hinterher verharmlost wird und nie wieder verschwindet, ebenso wie Kolonialismus und Rassismus. Die Trennung von Ost und West, Kennedy in Berlin, das Buch lässt nichts aus. Und liest sich trotzdem nie wie eine Chronik. Ich bin echt eingetaucht in diese 100 Jahre. Und irgendwann wird jede Leserin in ihrer eigenen Lebenszeit ankommen und das Buch noch einmal ganz anders und persönlicher wahrnehmen. Intensiv macht die Autorin auch das weibliche Erleben dieser Zeit spürbar, das ewige Thema Gebärfähigkeit, Nachfolge und dieses Heiratsbusiness! Besessenheit mit Körperbild, Pubertät, Blutung bei zeitgleicher Tabuisierung, die totale Objektifizierung der Frau, die wir auch heute noch nicht losgeworden sind. Das kommt nie als aufdringlicher Feminismus her, Carbe erzählt einfach nur eindringlich ihre Familiengeschichte – und stellt sich damit auch der Frage nach der Beteiligung dieser am Naziregime inklusive heikler Fragen wie Euthanasie und Wegschauen.

Trotz des autobiografischen Hintergrunds des Romans gelingt Carbe das Kunststück, hier keine Abrechnung zu schreiben, sondern vielmehr eine sensible Annäherung. Sie versucht, hinter die Fassaden ihrer Verwandten zu blicken, und auch wenn sie nicht mitfühlt, ist ihr Verstehenwollen doch in jeder Zeile spürbar. Die Figuren werden dabei durchweg ambivalent gezeichnet und nie idealisiert oder psychologisiert, hier regiert keine falsche Frauensolidarität, sondern ein sehr klarer Blick – auch auf die Männer. Die Autorin steht dabei folgerichtig am Ende der Geschichte, stellt sich aber nie ins Zentrum.

Formal unterbricht sie ihre Familienchronik immer wieder durch Ich-Perspektive-Kapitel, in denen sie einordnet und in das Große Ganze hineindenkt, vom persönlichen Erleben in die große Struktur der Gesellschaft schaut, was für mich den Roman erst richtig rund gemacht hat. Bis sie am Ende auch sich selbst in die Geschichte hineinschreibt. Ein wirklich großartiger, besonderer Roman, den ich unbedingt zu lesen empfehle, und über den ich einen Roman schreiben müsste, um ihn angemessen zu besprechen.

Ein Nachwort hätte ich mir allerdings gewünscht. Die Autorin verwandelt Tagebücher und Briefe so großartig in Prosa – und natürlich wird man dabei neugierig auf Fakten und Fiktion, aber es ist ihr gutes Recht, das für sich zu behalten. Wie es ihr wohl auf dieser emotionalen Reise gegangen ist? Es muss eindrücklich gewesen sein, diese sehr spezielle Familie so kennenzulernen. Vielleicht haben wir Glück, und dieses Buch wird noch als Serienstoff entdeckt – meiner Meinung nach würde es sich hervorragend dafür eignen.