Frauenpower in schweren Zeiten

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gina_lesefuchs Avatar

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Miriam Carbe entstammt einer Ahnenreihe starker Frauen, deren Vornamen mit M beginnen. Mithilfe eines geerbten Schranks voller Notiz- und Tagebücher rekonstruiert sie das Leben dieser Frauen und macht für uns das letzte Jahrhundert anhand des Schicksals ihrer Familie erlebbar.
Keine der Frauen hatte ein leichtes Leben, weil sie entweder zur falschen Zeit, mit dem falschen Geschlecht oder der falschen Hautfarbe geboren wurden oder auf andere Weise einfach nicht den Erwartungen ihrer Mütter entsprachen. So haben die vier Frauen gemein, dass sie alle „Unerwünschte Töchter“ sind.
Die Geschichte beginnt mit Carbes Urgroßmutter Margarethe, die ihre Eltern enttäuscht, indem sie sich zunächst in einen Juden verliebt und dann auch noch den Beruf der Erzieherin erlernen und ausüben möchte.
Großmutter Marianne hingegen wird 1914 und damit zur falschen Zeit geboren, weil eine zusätzliche Esserin die Kriegswitwe Margarethe vor enorme finanzielle Probleme stellt. Marianne muss trotz guter Schulnoten ein Jahr vor dem Abi wegen eines Umzugs die Schule verlassen, darf auch nicht ihren Traum an einer Kunstakademie verwirklichen. Schließlich arbeitet sie in einer Kaserne, wo der Leutnant Alfred Carbe ihr Chef wird.
Monika wird 1945 geboren, als Alfred Carbe bereits gefallen ist. Sie hat weder das künstlerische Talent noch die Sportlichkeit ihrer Mutter geerbt. Während des Studiums lernt sie einen nigerianischen Studenten kennen und lieben und bringt schließlich ein schwarzes Kind zur Welt – die Autorin.
Erzählt wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen: Die Autorin schildert als Ich-Erzählerin ihre persönlichen Wahrnehmungen, während die Familiengeschichte in chronologischer Reihenfolge erzählt wird.
Ich finde die parallele Schilderung der persönlichen Familien- und der Weltgeschichte sehr gelungen.
Das Buch wird als Roman bezeichnet und liest sich sehr flüssig. Trotzdem lernen wir ganz nebenbei einiges über die geschichtlichen Hintergründe und das dazugehörige Gedankengut. Die vielen jungen Menschen, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind, haben mich sehr berührt. Natürlich sind die Zahlen bekannt, aber Einzelschicksale sind doch immer wieder berührend. Ganze Familien ausgelöscht, so sinnlos.
Alle Charaktere finde ich ausgezeichnet präsentiert. Auch wenn für mich kein einziger Sympathieträger dabei ist, finde ich alle Figuren absolut glaubhaft.

Das zeitgemäß benutzte Vokabular mit Worten wie „Irrenpfleger" und „Wehrkraftzersetzung" macht den Zeitgeist regelrecht spürbar. Uns wird auch die dahinterliegende Doppelmoral vor Augen geführt:
Auf Seite 238 unterschreibt Leutnant Alfred Varbe das Todesurteil wegen „Wehrkraftzersetzung“ für einen Gefreiten, der den Krieg als verloren ansieht. Auf S. 256 erklärt eben dieser Leutnant den Krieg ebenfalls für verloren und wird von Marianne darauf hingewiesen, dass das Wehrkraftzersetzung sei.

Ein sich durch das Buch ziehendes Motiv sind die unerfüllten Träume der Frauen und Fehler, die sich in mehreren Generationen wiederholen, obwohl es niemand böse meint. Margarethe wollte so gerne Erzieherin werden, durfte aber als Frau nicht arbeiten. Ihre Tochter Marianne muss trotz ihrer guten Schulnoten ein Jahr vor dem Abi von der Schule abgehen. (S. 121) Auf die Kunstakademie darf sie nicht, weil die Frauen dort Hosen anziehen. (S. 126) Eigentlich hätte Margarethe hier doch erkennen müssen, dass ihrer Tochter das Kunststudium genauso wichtig war wie ihr einst die Ausbildung zur Erzieherin.

Beim Thema Haarfrisuren musste ich hingegen ein bisschen schmunzeln: Marianne wollte ihre Haare so gerne zu einem Bob geschnitten haben, musste sie aber lang tragen. Darum lässt sie ihrer Tochter ständig einen Bob schneiden, obwohl Monika wiederum gerne lange Haare gehabt hätte.

Sehr gut gefallen haben mir die vielen Textstellen, in denen die Liebe zu Büchern bei allen Frauen erkennbar ist:

"Warum liest man? Ich kann nur sagen, warum ich lese. Um ehrlich zu sein, die meisten Menschen langeweilen mich." (S. 374)
"... anders als der Fernseher waren Bücher keine Verschwendung, sondern eine Ausweitung und Aufwertung von Lebenszeit" (S.401)

"Wie konnte man ein Leben ohne Bücher führen?" (S. 424)

Fazit:
Ich finde diese Familiengeschichte durch das letzte Jahrhundert sehr leerreich und einfach nur toll erzählt.
Meisterhaftes „Show, don't tell", das ich uneingeschränkte weiterempfehle.
Volle 5/5 Sterne