Großartiges 4-Generationen-Porträt

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Miriam Carbe, geboren 1967, stammt aus einer Linie von intelligenten und selbstreflektierten Frauen, die alle Tagebuch geschrieben haben und von denen deshalb viel an schriftlichen Lebenserinnerungen erhalten ist. Basierend auf diesem Material hat sie einen berührenden, spannenden und auch zeitgeschichtlich äußerst interessanten autofiktionalen Roman geschrieben, der sich beginnend mit ihrer Urgroßmutter Margarethe über ihre Großmutter Marianne und ihre Mutter Monika bis zur Autorin selbst erstreckt. Erzählt wird weitgehend chronologisch, mit kleinen Einschüben in Form von Kurzkapiteln aus der heutigen Sicht der Autorin, in denen sie darauf eingeht, wie das Geschehene sie geprägt hat, sich bis heute auf sie auswirkt und sich in ihrem jetzigen Leben spiegelt.

Urgroßmutter Margarethe wächst als älteste von mehreren Töchtern in einem großbürgerlichen Haushalt auf, erst spät wird der erwünschte Sohn und Stammhalter geboren. Man lebt in einer Villa, kann sich von Dienstboten bedienen lassen und genießt das gute Leben, doch bald wird das Glück von den Ereignissen der Zeit, insbesondere vom 1. Weltkrieg, überschattet. Weiters gibt es diverse Beschränkungen des Zeitgeistes, ein Verehrer aus ursprünglich jüdischer, aber zum Protestantismus konvertierter Familie, der um Margarethes Hand anhält, wird von ihren Eltern brüsk abgelehnt. Und wo der Platz einer Tochter aus gutem Hause sein soll, ist gesellschaftlich auch ganz klar: unterstützend und liebend an der Seite ihres Ehemannes, die Kinder großziehend, aber auf keinen Fall einen Beruf ausübend. Dabei möchte Margarethe so gerne Kindergartenpädagogin werden und nach einigem Drängen erlauben ihr die Eltern auch die Ausbildung dazu, allerdings soll sie danach nur ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sein, alles andere wäre nicht standesgemäß. Schließlich heiratet Margarethe und bekommt Tochter Marianne, doch bald muss ihr Mann und der Vater des Babys fort in den 1. Weltkrieg, aus dem er nicht lebend zurückkehren wird.

Margarethe ist also erst einmal auf sich allein gestellt, die Zeiten sind insgesamt herausfordernde und sie muss ihre durchaus vorhandene Geschäftstüchtigkeit einsetzen, um auch als Witwe den Wohlstand der Familie zu gewährleisten. Bald wird sie neu heiraten, doch der weit weniger geschäftsfähige neue Ehemann wird den sozialen Abstieg der Familie eher beschleunigen. In Zeiten von Weltwirtschaftskrise, hoher Inflation und verbreiteter Arbeitslosigkeit laufen die Massen in den 1930er Jahren in Deutschland bekanntlich in Scharen einem gefährlichen Verführer zu. Auch Tochter Marianne lässt sich von diesem und seinem Gedankengut stark beeinflussen, während Margarethe selbst kritisch und misstrauisch bleibt.

Wieder zu Kriegszeiten, diesmal gegen Ende des 2. Weltkrieges, bringt Marianne Tochter Monika auf die Welt. Der Vater, ein Jurist und Offizier im Dienste des Regimes, ist in den letzten Kriegstagen gefallen, und wieder muss eine Mutter ihre Tochter alleine aufziehen. Monika wiederum wächst in der langen Friedenszeit nach dem Ende des Krieges auf, ursprünglich in Ost- und dann in Westdeutschland, ist sehr intelligent, aber hat mit vielfältigen psychischen Problemen und einem niedrigen Selbstwert zu kämpfen. Sie ist es, die letztlich die Mutter der Autorin sein wird, heftig gegen bestehende Familiennormen rebelliert und gegen den Druck ihrer Mutter, die eine Abtreibung von ihr verlangt, die kleine Miriam, Tochter eines nigerianischen Vaters, der im Rahmen eines Entwicklungshilfeprogrammes als Student in Deutschland ist, auf die Welt bringt. Diese Miriam ist es, die uns die Geschichte erzählt, die Aufzeichnungen, Erzählungen und Erinnerungen ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet, strukturiert und daraus diesen spannenden Roman gemacht hat. Über ihr Leben selbst erfahren wir aber nur am Rande etwas, im Zentrum der detaillierten Geschichten stehen klar die drei Vorfahrinnen.

Es ist ein Buch, das mit seinem Umfang von knapp 600 Seiten, dem langen Zeitraum, über den es sich erstreckt und der Detailgenauigkeit durchaus einiges an Lesezeit und Konzentration braucht. Ganz am Anfang hat es ein bisschen gedauert, bis mich die Geschichte wirklich gepackt hat, da mir insbesondere die Kindheit Margarethes etwas zu detailreich erzählt für meinen Geschmack vorkam. Das betraf aber wirklich nur die ersten paar dutzend Seiten, denn danach hat aber die sehr interessante Handlung an Fahrt aufgenommen und ich habe das Buch sehr gerne gelesen, habe mit den differenziert gezeichneten Figuren sehr mitgefühlt, mich für ihr weiteres Schicksal interessiert und mit viel Freude und Interesse bis zum Ende weitergelesen.

Auch die zeitgeschichtlichen Entwicklungen sind so fundiert beschrieben und dabei gleichzeitig interessant und figurennah erzählt, dass bestimmt viele Leserinnen und Leser - auch ich - so einiges aus den Erzählungen unserer eigenen Familiengeschichten wiedererkennen und gleichzeitig noch ein tiefer gehendes Verständnis für die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts entwickeln können. Ein weiteres zentrales Thema dieses Buches sind natürlich die diversen Mutter-Tochter-, aber auch Oma-Enkelin- bzw. sogar Uroma-Urenkelin-Beziehungen, die ebenfalls differenziert und psychologisch plausibel in ihrer Bandbreite und Entwicklung dargestellt sind.

Damit handelt es sich insgesamt um ein literarisch hochwertiges, sehr interessant erzähltes, spannendes Buch, das ich einer breiten Leserinnenschaft und jedenfalls allen, die sich für Familiengeschichten und/oder für Zeitgeschichte interessieren, sehr empfehlen kann!