Hundert Jahre Familiengeschichte
Hundert Jahre Familiengeschichte
Miriam Carbe (*1967) hat deutsch-nigerianische Wurzeln und beschreibt in diesem Roman die Geschichte ihrer eigenen Familien über vier Generationen hinweg. Im Mittelpunkt stehen jeweils die Frauen, deren umfangreiche Aufzeichnungen in Form von Fotos, Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen Miriam Carbe zusammen mit einem alten, 1912 in Dresden gebauten, Schrank erbte. Auf Basis dieser Texte hat die Autorin einen überzeugenden Roman geschrieben, der im Kaiserreich beginnt und nahe der Gegenwart endet.
Erzählt wird überwiegend chronologisch. Von Zeit zu Zeit wird der Text durch Einschübe der Autorin unterbrochen, in denen sie aus Ich-Perspektive persönliche Überlegungen, Reflektionen und Ergänzungen einbringt. Sie weist dabei auch auf Leerstellen oder Widersprüche hin, die sie nicht auflösen kann.
Die Geschichte beginnt mit Urgroßmutter Margarethe als Kind, die noch in großbürgerlichen Verhältnissen in der Villa Parsifal nahe Dresden aufwächst. Sie prägt die nachfolgenden Generationen mit ihrer Liebe zu Goethe sowie einem außerordentlichen Standesdünkel. Der Erste Weltkrieg zehrt das Vermögen auf, die Ansprüche bleiben jedoch bestehen.
Margarethe verliert ihren ersten Mann, den Kaufmannssohn Felix, im Krieg. Sie bekommt Tochter Marianne und heiratet später Felix´ Bruder Karl, der immer große Pläne hat, aber keine Arbeitsstelle lange behält. Er mutet seiner Familie viele Neuanfänge zu, die Marianne zunächst gut verkraftet. Sie muss ständig mitanpacken, ihren eigenen Traum von einer künstlerischen Laufbahn kann sie nicht ausleben. Stattdessen wird sie Sekretärin beim Militär, wo sie ihren Chef Alfred Carbe kennen- und lieben lernt. Die Beziehung gestaltet sich schwierig, aus ihr geht aber Tochter Monika hervor, die keine behütete Kindheit haben wird und 1967 Autorin Miriam Carbe auf die Welt bringt.
Soweit die Skizze des Stammbaums, aus dem sich viele fesselnde Einzelbiografien und Handlungsstränge entwickeln, die ins bewegte 20. Jahrhundert eingebunden werden. Die Figuren wirken lebensecht. Sie werden nicht idealisiert, der Leser bekommt ihre Schattenseiten zu sehen, darf sich mit ihren Ambivalenzen auseinandersetzen.
Carbe schreibt dicht und wendungsreich. Sie hält wohltuende Distanz zur eigenen Familie und keine Nabelschau, die gezeigten Schicksale werden nicht verklärt. Dadurch wirkt der Text wirklichkeitsgetreu. Die Verbrechen des Nationalsozialismus fließen in Handlung und Dialoge mit ein. Sowohl die propagierte Rassenlehre als auch der deutsche Größenwahn finden bei Marianne einen guten Nährboden. Das Dritte Reich wird in der Breite seiner Verwerfungen und Verbrechen gezeigt. Auch Flucht und Vertreibung sowie die deutsche Teilung finden Raum. Die Autorin verfällt dabei nie der Versuchung, moralisch zu werten oder zu belehren, sondern vertraut auf die Kompetenz ihrer Leserschaft. Carbe erzählt sachlich und bleibt doch ganz nah bei ihren Figuren, indem sie sich intensiv in sie hineinversetzt.
Neben der individuellen Ebene zeigen sich auch allgemeingültige Strukturen des vergangenen Jahrhunderts: Frauen wurden durch patriarchale Strukturen eingeschränkt, waren nicht frei in ihrer Ausbildungs- oder Berufswahl und abhängig von Vater bzw. Ehemann. Anpassungsfähigkeit war ein wichtiges Gut, das nicht jedem gegeben ist. Auch negative innere Einstellungen, Werte und Verhaltensmuster werden transgenerational weitergereicht, worüber sich jeder Mensch bewusst sein sollte. Carbe zeigt diese Verstrickungen auf und wirbt dadurch indirekt um Verständnis für unser aller Vorfahren.
Der Roman lässt Leerstellen, wo sich keine Belege finden. Er gibt Raum für Spekulation und eigene Gedanken. Die Geschichten von Margarethe, Marianne und Monika sind Beispiel für unzählige Frauenbiografien während der Weltkriege und darüber hinaus. Sie sollten nicht vergessen werden.
Für mich ist der Jahrhundertroman „Unerwünschte Töchter“ ein herausragendes Beispiel für authentisches biografisches Schreiben. Er erzählt stilistisch ansprechend, packend und fesselnd, frischt Geschichtswissen auf und lädt zum Sinnieren über die eigene Herkunft ein. Ein Buch, dem ich wirklich ganz viele Leser wünsche und das ein breites Publikum beglücken sollte.
Ausdrücklich möchte ich auch das Hörbuch (Der Audio Verlag) empfehlen. Simone Kabst interpretiert den Roman hervorragend, so dass der Text regelrecht veredelt wird.
Große Lese und Hörempfehlung!
Miriam Carbe (*1967) hat deutsch-nigerianische Wurzeln und beschreibt in diesem Roman die Geschichte ihrer eigenen Familien über vier Generationen hinweg. Im Mittelpunkt stehen jeweils die Frauen, deren umfangreiche Aufzeichnungen in Form von Fotos, Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen Miriam Carbe zusammen mit einem alten, 1912 in Dresden gebauten, Schrank erbte. Auf Basis dieser Texte hat die Autorin einen überzeugenden Roman geschrieben, der im Kaiserreich beginnt und nahe der Gegenwart endet.
Erzählt wird überwiegend chronologisch. Von Zeit zu Zeit wird der Text durch Einschübe der Autorin unterbrochen, in denen sie aus Ich-Perspektive persönliche Überlegungen, Reflektionen und Ergänzungen einbringt. Sie weist dabei auch auf Leerstellen oder Widersprüche hin, die sie nicht auflösen kann.
Die Geschichte beginnt mit Urgroßmutter Margarethe als Kind, die noch in großbürgerlichen Verhältnissen in der Villa Parsifal nahe Dresden aufwächst. Sie prägt die nachfolgenden Generationen mit ihrer Liebe zu Goethe sowie einem außerordentlichen Standesdünkel. Der Erste Weltkrieg zehrt das Vermögen auf, die Ansprüche bleiben jedoch bestehen.
Margarethe verliert ihren ersten Mann, den Kaufmannssohn Felix, im Krieg. Sie bekommt Tochter Marianne und heiratet später Felix´ Bruder Karl, der immer große Pläne hat, aber keine Arbeitsstelle lange behält. Er mutet seiner Familie viele Neuanfänge zu, die Marianne zunächst gut verkraftet. Sie muss ständig mitanpacken, ihren eigenen Traum von einer künstlerischen Laufbahn kann sie nicht ausleben. Stattdessen wird sie Sekretärin beim Militär, wo sie ihren Chef Alfred Carbe kennen- und lieben lernt. Die Beziehung gestaltet sich schwierig, aus ihr geht aber Tochter Monika hervor, die keine behütete Kindheit haben wird und 1967 Autorin Miriam Carbe auf die Welt bringt.
Soweit die Skizze des Stammbaums, aus dem sich viele fesselnde Einzelbiografien und Handlungsstränge entwickeln, die ins bewegte 20. Jahrhundert eingebunden werden. Die Figuren wirken lebensecht. Sie werden nicht idealisiert, der Leser bekommt ihre Schattenseiten zu sehen, darf sich mit ihren Ambivalenzen auseinandersetzen.
Carbe schreibt dicht und wendungsreich. Sie hält wohltuende Distanz zur eigenen Familie und keine Nabelschau, die gezeigten Schicksale werden nicht verklärt. Dadurch wirkt der Text wirklichkeitsgetreu. Die Verbrechen des Nationalsozialismus fließen in Handlung und Dialoge mit ein. Sowohl die propagierte Rassenlehre als auch der deutsche Größenwahn finden bei Marianne einen guten Nährboden. Das Dritte Reich wird in der Breite seiner Verwerfungen und Verbrechen gezeigt. Auch Flucht und Vertreibung sowie die deutsche Teilung finden Raum. Die Autorin verfällt dabei nie der Versuchung, moralisch zu werten oder zu belehren, sondern vertraut auf die Kompetenz ihrer Leserschaft. Carbe erzählt sachlich und bleibt doch ganz nah bei ihren Figuren, indem sie sich intensiv in sie hineinversetzt.
Neben der individuellen Ebene zeigen sich auch allgemeingültige Strukturen des vergangenen Jahrhunderts: Frauen wurden durch patriarchale Strukturen eingeschränkt, waren nicht frei in ihrer Ausbildungs- oder Berufswahl und abhängig von Vater bzw. Ehemann. Anpassungsfähigkeit war ein wichtiges Gut, das nicht jedem gegeben ist. Auch negative innere Einstellungen, Werte und Verhaltensmuster werden transgenerational weitergereicht, worüber sich jeder Mensch bewusst sein sollte. Carbe zeigt diese Verstrickungen auf und wirbt dadurch indirekt um Verständnis für unser aller Vorfahren.
Der Roman lässt Leerstellen, wo sich keine Belege finden. Er gibt Raum für Spekulation und eigene Gedanken. Die Geschichten von Margarethe, Marianne und Monika sind Beispiel für unzählige Frauenbiografien während der Weltkriege und darüber hinaus. Sie sollten nicht vergessen werden.
Für mich ist der Jahrhundertroman „Unerwünschte Töchter“ ein herausragendes Beispiel für authentisches biografisches Schreiben. Er erzählt stilistisch ansprechend, packend und fesselnd, frischt Geschichtswissen auf und lädt zum Sinnieren über die eigene Herkunft ein. Ein Buch, dem ich wirklich ganz viele Leser wünsche und das ein breites Publikum beglücken sollte.
Ausdrücklich möchte ich auch das Hörbuch (Der Audio Verlag) empfehlen. Simone Kabst interpretiert den Roman hervorragend, so dass der Text regelrecht veredelt wird.
Große Lese und Hörempfehlung!