M wie Mutter

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Der Titel lässt einen unguten Verlauf der Geschichte vermuten, aber ganz so negativ, wie es scheint, ist das Leben der Mütter und der Töchter nicht. Alle sind ein Kind ihrer Zeit. Und diese Zeit umfasst der Roman von Miriam Carbe auf sehr unterhaltsame Weise.
Die Autorin hat ein großes, wirklich beneidenswertes Glück erfahren, sie erbte einen Schrank voller Tagebücher und anderer Aufzeichnungen von allen Ms vor ihr, die bieten eine unheimliche, ja unübersehbare Fülle an Details, aus denen dieser Roman entstand.
Die erste Mutter ist „die Mutti“, etwas häufig und überbetont erscheint sie in der ersten Hälfte des Romans, sehr ausdauernd beschrieben, sie heißt Margarethe und wurde Ende des 19. Jh. geboren, später verheiratete Frau Grundmann und in sehr respektabler Lage und Gesellschaft. Die Villa Parzifal in Dresden bleibt nach dem Ersten Weltkrieg nur eine schöne, aber nie wiederkehrende Erinnerung. Der gesellschaftliche Abstieg ist nicht zu verhindern, ihre Tochter Marianne, geboren am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wird auch das M im Vornamen tragen, weil ja Frauen ansonsten nichts behalten nach der Ehe, nicht mal den Familiennamen, auch wenn er noch so erhaben ist. Marianne wächst im Deutschland der Veränderungen auf, als 1933 Hitler an die Macht kommt, ist sie 19 Jahre alt. Später arbeitet sie bei der Wehrmacht als Sekretärin, lernt den Staatsanwalt und Offizier Alfred Carbe kennen, mit dem sie eine sich immer wieder verändernde Beziehung eingeht, aus der ein „unerwünschtes“ Töchterchen Monika hervorgeht. Mit mehr Glück als Verstand wird das Kind noch zu einem ehelichen gemacht, der Vater fiel „vor der geplanten Heirat“ in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Dieses Mädchen hat eine schwierige Kindheit, Umzüge, Schulwechsel, eine Mutter mit Gefühlsschwankungen, beide gelangen aus dem Osten in den Westen, leben dann aber lange in Herford, an diese Zeit erinnert sich Monika in der zweiten Hälfte des Buches. Von Kindermund tut Wahrheit kund bis Pubertät und Tanzstunde vergeht die Zeit. Monika ist ein Ausnahmetalent, wenn es um Sprache und Literatur geht. Sie bemerkt ihre Neigung und kommt irgendwann mit Marx in Berührung. Trotzdem sie sich als zu dick und zu unattraktiv empfindet, hat sie Selbstbewusstsein und Humor. Leider auch die Anlage zu psychischen Erkrankungen. Das macht das Leben nicht gerade leichter.
Die Autorin erzählt sehr unbefangen von ihrer Mutter Monika, denn Miriam ist das vierte M im Buch, zumindest was die Ahnenreihe anbelangt. Freundinnen von Monika heißen zu allem Überfluss Mareile und Marion. Kann Zufall sein, ist aber irgendwie sehr auffällig.
Da es schon in der Verlagsankündigung steht, verrate ich kein Geheimnis, Monika wird von einem afrikanischen Studenten schwanger und Miriam ist von allen Töchtern wohl die unerwünschteste. Die Urgroßmutter verweigert sich ihr und auch der Rest der Familie tut sich schwer, ein schwarzes Kind in seinen Reihen zu haben. Miriam Carbe schreibt sich all diese Ereignisse, den Frust und auch tragi-komische Erlebnisse von der Seele. Die gefundenen Tagebücher helfen ihr dabei, aber das Buch ist auch ihre eigene Abrechnung mit der Vergangenheit. Ob es gut ist, so viel Persönliches, Intimes über die eigene Mutter, die eigene Familie preiszugeben, das weiß ich nicht. Mir war es etwas zu heftig.
Wäre dieser Roman etwas gestraffter, wären manche Szenen gekürzt oder gar nicht beschrieben worden, hätte er mir noch besser gefallen. 576 Seiten sind einfach etwas zu viel des Guten. Der Stil ist nicht sehr poetisch, er passt sich eher dem lakonischen Stil von Tagebucheinträgen an, daran ändert die Liebe zu Goethe auch nichts. Ich habe parallel das Hörbuch gehört – Simone Kabst liest mit viel Gefühl - und den Roman als E-Book gelesen, beides ist gut, ändert aber an der Länge nichts, auch über 16 Stunden Zuhören waren mir am Schluss zu viel.
Fazit: ein Roman, der anhand einer ganzen Vorfahrinnenreihe nicht nur Familiengeschichte erzählt, sondern auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das schafft Miriam Carbe auf beeindruckende Weise.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.