Schwieriges Erbe
Vier Generationen von Frauen einer Familie bilden den Mittelpunkt dieses Romans, angefangen mit der Urgroßmutter Margarethe in Dresden, großbürgerliche Tochter mit Ambitionen, die über eine standesgemäße Heirat hinausgehen, über deren Tochter Marianne, die von der Liebe träumt und enttäuscht wird, bis hin zur Ich-Erzählerin Miriam, die in Gießen als Tochter der begabten und psychisch labilen Germanistikstudentin Monika und dem nigerianischen Studenten Akang geboren wird und schon früh erfährt, dass sich Zugehörigkeit nicht automatisch einstellt. Die Autorin verknüpft in ihrem Roman Tagebucheinträge und Briefe ihrer Vorfahrinnen mit fiktiven Episoden und zeichnet so ein eindrückliches Bild weiblichen Erlebens in Deutschland. Verbindendes Element aller Generationen ist ein 1912 angefertigter Kirschholzschrank, den ihre Urgroßmutter für ihre geliebten Bücher in Auftrag gab. Passte er noch hervorragend in die damals von der Familie bewohnte Villa in Dresden, musste er im Laufe der Jahrzehnte dem sozialen Abstieg und mehrere Umzüge, nicht nur von Ost nach West, beiwohnen. Der Schrank dient dabei nicht nur als Aufbewahrungsort für geliebte Dinge, sondern steht gleichzeitig für alles, was in der Familie versteckt und verschwiegen wird: den Verlust der sozialen Klasse und des Vermögens, psychische Krankheiten, verlorene Männer und Väter und am Ende die Geburt eines Schwarzen Kindes, dessen Existenz der Großmutter drei Jahre lang vorenthalten wurde. Miriam Carbe, die diesen Roman eng an der eigenen Familiengeschichte entlang geschrieben hat, zeigt, wie viel trotz der zahlreichen erhaltenen Aufzeichnungen noch verschwiegen wurde und wie sehr sich die Kontinuitäten der kolonialen und nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit in den Familien weitervererben. Der Fokus liegt dabei auf der weiblichen Geschichte, die Männer der Familie spielen eine untergeordnete Rolle, entweder sind sie früh gefallen oder aus anderen Gründen abwesend. Diese Perspektive hat mir sehr gut gefallen, zeigt sie doch, dass auch vermeintlich unbedeutende Lebenslinien und Erfahrungen Teil der großen Geschichte sind und diese deutlich widerspiegeln. Ein wirklich berührender Roman, der mich sehr begeistert hat und dem ich noch viele Leser:innen wünsche.