Umfassendes Porträt weiblicher Biografien

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
gaia Avatar

Von

Miriam Carbe ist eine der vier Frauengenerationen, die in diesem fast schon epochalen Debüt durch ihr Leben begleitet werden. Von Urgroßmutter Margarethe, die um 1900 in Dresden in einer edlen, wohlhabenden Familie des Bildungsbürgertums aufwächst, eine moderne Lehre zur Kindergärtnerin absolviert und kurz bevor ihr Mann im Ersten Weltkrieg fällt, zwei Kinder zur Welt bringt. Eins davon ist Marianne, die Großmutter von Miriam, welcher nach dem zunehmenden sozialen Abstieg der Familie nun in Meiningen in Thüringen ansässig ein ähnliches Schicksal ereilt. Als Sekretärin in einer Wehrmachtskaserne lernt sie als ihren Vorgesetzten einen Juristen und Offizier kennen, von dem sie eine Tochter, Monika, erwartet noch während dieser in den letzten Kriegstagen fällt. Alleinerziehend reist sie in den Westen aus und schlägt sich am unteren Ende des sozioökonomischen Gefüges in Ostwestfalen durch. Monika wird die junge Mutter Miriams sein. Sie wird von einem nigerianischen Mitstudenten geschwängert und bekommt ein dunkelhäutiges Mädchen in mitten einer Familie von Nazi-Sympathisanten.

Carbes Roman, welchen sie aus dem umfänglichen Nachlass ihrer tagebuchschreibenden weiblichen Vorfahren herausgearbeitet hat, blickt über ein komplettes Jahrhundert hinweg tief in die Seelen dieser verschiedenen Frauengenerationen. So befasst sich „Unerwünschte Töchter“ nicht nur mit dem Thema Gender und wie dieses den Lebensweg bestimmt, sondern auch Klasse und Race. Dabei geht Carbe recht übersichtlich chronologisch vor, wenn es um den erzählenden Teil des Familienplots geht. Hier kann man sehr angenehm im personalen Erzählstil den Frauen der Familie folgen und vertieft sich soghaft in ihre Leben. Zwischen den historisch-chronologischen Kapiteln fügt Carbe Meta-Kapitel ein. In diesen greift sie einen Themenbereich wie z.B. „Umzüge“, „Das Rauchen“ oder „Weihnachten“ heraus und wechselt in die Ich-Perspektive, um essayistisch angehaucht einen Blick auf das entsprechende Themengebiet generationsübergreifend zu werfen.

Ich muss sagen, dass mich die historisch-chronologische Ebene stärker in ihren Bann gezogen hat, als die eingeworfenen Meta-Kapitel. Im Verlauf dieser Meta-Kapitel hatte ich immer mehr Probleme damit, die einzelnen Frauenfiguren auseinanderzuhalten, da nun, die kurz zuvor noch „Mutter“ genannte Marianne plötzlich die „Großmutter“ ist, weil ja aus Sicht von Miriam Carbe in der Ich-Form erzählt wird. Auch tauchen dort jegliche Kosenamen der Figuren auf. Imma für Margarethe, Nanni für Marianne usw. Das hat mich wirklich verwirrt. So finde ich zwar die Idee, einzelne Themenbereich gesondert zu betrachten und vergleichend alle Protagonistinnen in ein Kapitel zu werfen nicht uninteressant, aber in diesem Rahmen einfach zu unübersichtlich. Auch wurde mit der Plotanteil um Monika, der Mutter der Autorin Miriam Carbe, im letzten Drittel des Buches einfach zu ausschweifend. Hier vor allem die immer wieder auftauchenden Liebeleien und Schwärmereien für Jungs/Männer. Gerade als ich dachte, die Längen gehen mir nun doch etwas zu stark auf die Nerven, erfährt man jedoch von einer psychotischen Erkrankung von Monika ab dem frühen Erwachsenenalter. Nun dachte ich: Ja, jetzt wird es wieder interessanter. Aber leider hält sich Carbe an diesen Stellen recht bedeckt, zumindest im Vergleich zu den Ausführungen zu verschiedensten Schwärmereien noch kurz zuvor. Das finde ich schade, sehe ich hier doch ein vergebenes Potenzial, um auf die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen bei Frauen dieser Generation einzugehen.

So hat mir „Unerwünschte Töchter“ wirklich sehr gut in der Gesamtheit gefallen. Ein wirklich epochales Debüt, welches meines Erachtens aber auch noch Luft nach oben gehabt hätte. Trotzdem gibt es auf jeden Fall eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für dieses generationenübergreifende Werk.

4/5 Sterne