Vier Frauengenerationen im Wandel der Zeit

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federfee Avatar

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Mütter-Töchter-Geschichte mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, leichtfüßig erzählt, doch thematisch tiefgründig: Judenfeindlichkeit/Rassismus von damals bis heute, das Frauenbild im Wandel der Zeit, Weitergabe von familiären Traumata - Befreiung durch Reflektieren und Verstehen

Was für ein Debüt! Ein fesselndes Buch mit Tiefgang in bildreicher Sprache, mit zeitgeschichtlichem Hintergrund von der Kaiserzeit bis heute - deutsche Geschichte, erlebbar am Schicksal der Frauen einer Familie, deren Namen alle mit M beginnen, vor allem aber ein Lehrstück über die transgenerationale Weitergabe von Traumata, Ängsten und gesellschaftlichen Zwängen von einer Generation an die nächste, von Müttern an ihre Töchter.

Am Anfang steht ein Schrank, aber nicht irgendeiner und schon gar kein totes Möbelstück. Urgroßmutter Margarethe ließ ihn einst in Dresden anfertigen und er wurde an die Töchter weitergegeben und mit Inhalten gefüllt: mit Literatur von Goethe, Schiller und anderen, auch mal mit Nippes, vor allem aber mit Tagebüchern. Somit ist er nicht nur ein Symbol für die Reihe der Frauen aus vier Generationen, sondern auch ‘das Gedächtnis’ der Familie, die Grundlage für diesen Roman, in dem Miriam Carbe, eine Autorin mit deutsch-nigerianischen Wurzeln, die patriarchalischen und rassistischen Strukturen analysiert und versteht, was von Generation zu Generation weitergegeben wurde und wahrscheinlich dadurch auch für sich selbst Heilung und Befreiung findet.
Sie erzählt nicht verurteilend, sondern voller Verständnis, wie die gesellschaftlichen Strukturen der vergangenen Zeiten die Frauen ihrer Familie beeinflusst und geschädigt haben.

Wie der Titel nahelegt, sind alle vier Töchter auf die ein oder andere Art unerwünscht oder entsprechen nicht den Vorstellungen ihrer Mütter, der Familie, der Gesellschaft.
Da ist die Urgroßmutter Margarethe in einer Zeit, wo Söhne bevorzugt wurden und die Frauen keinen Beruf ausüben sollten. In Kriegszeiten erlebte sie einen extremen Bruch vom Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation bis zu Kriegszerstörungen und Witwenschaft.

Ihre Tochter Marianne wuchs in der Zeit des Nationalsozialismus auf und übernahm kritiklos die rassistischen Ideologien und Parolen. So schwärmerisch wie sie die ‘Führer’-Verherrlichung übernahm, so hielt sie es auch mit ihren Männerbekanntschaften. Am Ende stand sie mit einem unehelichen Kind da, das nur durch eine Beglaubigung des gefallenen Vaters dessen Namen erhielt.

Diese Tochter Monika - psychisch labil - begehrte in den 60er-Jahren gegen die Unterdrückung der Frau auf und entschied sich, das Kind eines nigerianischen Studenten zu bekommen. Diese Auflehnung gegen das rassistische und patriarchale Familienbild ließ sie mehr oder weniger isoliert und unglücklich zurück.

Erst ihre Tochter Miriam - die Autorin dieses Buches - schaffte es, durch reflektiertes Umgehen mit den Tagebüchern ihrer Vorfahren, sich anscheinend von all dem zu lösen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Sie erzählt chronologisch, wobei die Perspektive unmerklich zur jeweils nächsten Tochter wechselt und auch sprachlich angepasst ist. Eingeschoben sind kurze Kapitel aus der Jetztzeit, die Gemeinsamkeiten hervorheben, z.B. das Rauchen (‘unliebsame Lebenswelten wegrauchen’ 145).

Alles wirkt sehr überlegt, von der Romanstruktur über Symbolisches bis hin zur Covergestaltung, die eine Perlenkette zeigt. Sie könnte ein Symbol nicht nur für die Weitergabe eines Schmuckstücks und seinen Wandel - von echt über künstlich bis zur Ablehnung des Spießigen - sein, sondern auch ein Symbol für den Zusammenhang und die Verbundenheit der Frauen: wie Perlen auf einer Schnur.

Fazit

Dieses Buch zeigt nicht nur das Frauenbild im Wandel der Zeiten, vom Kaiserreich über die Weltkriege und den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart, sondern auch, wie lange rassistische Vorstellungen und Judenfeindlichkeit bis heute nachwirken. Das konstatiert die Autorin nicht einfach, sondern sie lässt es uns Leser selbst in Gesprächen und Handlungen der Personen erkennen.

Es ist ein leicht zu lesendes Buch mit mehr Tiefgang als man auf den ersten Blick meint. Es vermittelt einen Blick auf die Rolle der Frau und wie sich familiäre Gegebenheiten auswirken. Vielleicht lässt es auch die ein oder andere Leserin nachdenken, was sie von ihren Vorfahren und den gesellschaftlichen Zuständen mit in ihr eigenes Leben genommen hat.

Es ist ein Buch, das nachhallt, anregt, sich Gedanken zu machen und ganz nebenbei Zeitgeist vermittelt. Sehr empfehlens- und lesenswert.