Guter Spannungsaufbau.

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aerdna Avatar

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Anfangs etwas dialogschwach, nimmt dann aber deutlich an Fahrt auf. Sehr spannende, sehr perfide Idee mit gutem Plot und sympathischen, ausnehmend starken Charakteren, die ihre Integrität leben. Luisa, die auch bei Gegenwind unbeirrt ihrem Bauchgefühl folgt, Ramin, der sich selbst treu bleibt und aus dieser Berufung heraus agiert und Grohmann, der vermeintliche Unsympathling, der gar nicht so eigentlich unsympathisch ist, sondern erfreulich nonkonformistisch und offen - eine Figur mit großem Entwicklungspotential und spannenden Möglichkeiten für das zu bildende Cold Cases Team. Unkonventionelle Fälle profitieren von unkonventionellen Persönlichkeiten.
Die persönlichen Werdegänge der einzelnen Akteure und die verschiedenen Handlungsstränge aus Vergangenheit und Gegenwart, die sich nahtlos miteinander verweben, sind vielfältig und spannend, berühren, schockieren, machen neugierig. Die Idee um Nicole Klement finde ich dabei sehr interessant und schreiberisch gelungen verarbeitet - realistisch und authentisch. Egal, wie lange ein Verbrechen zurückliegt, sogar wenn der Täter vermeintlich nicht mehr da ist, verschwindet er nie ganz, erstrecken sich die Folgen und Nachwirkungen für die Opfer bis in die Gegenwart. Das ist in Ungelöst schon auf den ersten Seiten gut herausgearbeitet.
Spannend bleibt die Frage, auf welche Weise Lichner, der damalige Täter, Nicole auch heute noch in seiner Gewalt hat. Was hat es mit Annika Köster, ihrer Lebensgefährtin, auf sich?
Und wie ist die Geschichte um Luisas Vater?
Ich bin sehr gespannt, wohin die ersten kleinen, nebensächlich angebrachten, Hinweise führen.

Das Cover gefällt mir. Schlicht, geradezu minimalistisch, aber unheimlich wirksam. Im Buch gibt es einen Kontext der vertrauten Dunkelheit, durchbrochen nur von einer erdrückend raumgreifenden Stille. Dazu passt der düstere, halbschattige Hintergrund gefühlsmäßig sehr gut. Der alte Schlüssel weckt bei mir Assoziationen mit Eingesperrtsein; dass er an einem Haken hängt erinnert an Kindheit - Schlüssel oben am Türrahmen an einen Nagel gehängt, damit Kinder nicht herankommen. Was eigentlich zum Schutz dient, verhindert hier vielleicht das Entkommen, symbolisiert eine Unerreichbarkeit von Freiheit. Vielleicht auch, den richtigen Schlüssel zu einem sehr alten Schloss zu finden. Tiefer darüber nachgedacht, ist die Gestaltung tatsächlich genial gemacht in ihrem vielfachen Bezug zum Inhalt.
Ein totes Mädchen, ein entführtes Mädchen, hörig gemachte Frauen; wie lange geht das Ganze schon? Welche perfide psychische Manipulation steht dahinter, dass erwachsene Frauen aus dem Eingesperrtsein in ihrem eigenen Kopf nicht mehr herauskommen, an den Schlüssel nicht herankommen? Wurden sie schon als Kind eingesperrt?
Auch die Kontraste finde ich gut gewählt - ebenso wie den Kontrast zwischen Luisa und Nicole. Die eine konnte entkommen und ist als starke, mutige, handlungsfähige, denkbegabte Frau daraus hervorgegangen, die andere scheinbar zerbrochen.

Ungelöst kommt auf die Leseliste.