Daddy Issues

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
roomwithabook Avatar

Von

Layla Beni Sayed, Schauspielerin, Autorin, wohnhaft in Paris, erinnert sich zurück an ihre Kindheit in Saarbrücken, an ihre Eltern, die trotz aller Unterschiede ein glamouröses Paar waren. Ihr ursprünglich aus dem Irak stammender Vater war ein Lebemann, der ständig auf der Suche nach neuen Geschäftsmöglichkeiten war. Er bereiste ausgiebig den Nahen Osten, kannte nicht nur in Saarbrücken Gott und die Welt und feierte ausgelassene Partys in der heimischen Wohnung. Laylas Mutter dagegen stammte aus Frankreich, die im Elsass lebenden Großeltern legten Wert auf gute Manieren und grundlegende Kenntnisse der Besteckverwendung. Den Mann der Tochter jedoch mochte vor allem die Großmutter nicht.
Laylas Aufwachsen war geprägt von den großen Träumen des Vaters und der ständigen Kritik der Großmutter. Ihre Mutter dagegen verschwand hinter einer Wolke aus Chanel No. 5 und mochte es am liebsten harmonisch.
Der Roman wechselt zwischen Laylas Kinderblick auf die Familie und dem eher analytischen Blick in der Jetztzeit, in der schon lange kein Kontakt mehr zu ihrem einst so geliebten Vater besteht. Da die Kinderperspektive gerade durch das Nichtverstehen größere Räume öffnet und bestehende Diskrepanzen zeigt, ohne diese zu erklären, fand ich sie literarisch interessanter als Laylas Therapiebemühungen in der Gegenwart, die für mein Empfinden gleichzeitig zu viel und zu wenig erklären. Die später erfolgte Transformation des Vaters, die auch zum Auseinanderbrechen der Familie geführt hat, wird psychologisiert, ohne dass man sie wirklich nachvollziehen kann. Trotzdem funktioniert die Gegenwartsperspektive als Rahmenhandlung durchaus, sie verdeutlicht die langanhaltenden Folgen einer Kindheit zwischen liebevollem Chaos und nicht gehaltenen Versprechen sowie die Auswirkungen einer Umwelt, die nur Verständnis für andere Lebensrealitäten zeigt, solange diese nicht die eigene Weltsicht in Gefahr bringen. Ein Haus mit Rutsche jedenfalls gab es nie, dafür einen unkonventionellen und zugewandten Vater, der letztendlich auch an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist. Mir hat der Roman sprachlich und inhaltlich sehr gut gefallen, beide Erzählperspektiven wirken authentisch und beschreiben nachvollziehbar die langsame Entzauberung des Vaters, der seinerseits angesichts des Weltgeschehens immer weiter desillusioniert wird.