Ein Leben zwischen Irak, Saarbrücken und Frankreich

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downey_jr Avatar

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„Ich muss aufschreiben, was damals alles passiert ist. Vielleicht ändert sich dann etwas. Ganz gleich in welche Richtung. Ausnahmsweise befürworte ich jede Veränderung. Schlimmer kann es sowieso nicht werden. Schließlich gibt es hier in meinem Ausguck nur noch mich, über den Dächern von Paris. Bei schlechtem Wetter kann ich bis nach Saarbrücken blicken, in meine nebelverhangene Vergangenheit.“

„Unser Haus mit Rutsche“ von Safia Al Bagdadi ist ein autofiktional anmutender Roman. Die Ich-Erzählerin Layla wächst in Saarbrücken auf. Ihr irakischer Vater hat viel Fantasie und ständig neue Geschäftsideen, er verspricht Umzüge nach Los Angeles, New York oder gar ein „Haus mit Rutsche“ am Tigris; eine großratige Zukunft, die jedoch nie eintritt.
Laylas französische Mutter stammt aus „besseren Verhältnissen“, rebelliert jedoch gegen ihr Elternhaus; etwas Luxus im Alltag mag sie trotzdem. Layla erlebt eine Kindheit im Dazwischen, ständig geht alles schief, aber sie sind glücklich. Als jedoch 1991 der Golfkrieg ausbricht, verändert sich ihr Vater radikal.

„Babe verwandelte sich, während allerdings ich mich ebenfalls verwandelte, und während ich in meinem Eckchen darüber sinnierte, was nur mit ihm los war, dachte er vielleicht in seinem Dachkämmerchen über mich dasselbe.
[...]
Dabei schien auch in seinem Innern die Post abzugehen, mutmaßte ich anhand seiner immer heftigeren Gefühlsausbrüche, die innerhalb weniger Minuten von euphorisch bis cholerisch schwanken konnten. [...]
Für ihn drehte sich alles nur noch um zwei Bücher: das über den Teufel und das über Gott.
‚Das ist ein tolles Buch, Layla!‘, sagte er über Letzteres. ‚Das ist die Antwort auf alles!‘
Hatte der Teufel ihm Angst eingejagt, war Gott ihm zum Lichtblick geworden. Erst diese Erkenntnis wies ihm einen Ausweg aus seinem Dachbodenexil.“

In wechselnden Zeitebenen, damals in der Kindheit in Saarbrücken bzw. heute in Paris, erzählt die Protagonistin in locker-leichtem Ton. Das Buch ist sehr dialogreich, was mit der Zeit etwas anstrengend zu lesen war und sich auch mal in Belanglosigkeiten verlor.

Es gab durchaus einige Stellen, die jenseits des humorvoll-lockeren Tonfalls waren; diese fand ich sehr bewegend: „Diese Freiheit. Ich wünschte sie mir so sehr auch für mich herbei. Bloß wusste ich da noch nicht, wie es sich anfühlt, wenn man seinen Eltern gleichgültig ist. Noch hatte ich keine Ahnung, wie es ist, wenn der eigene Vater sich derart in etwas verrennt, dass die Familie daran zerbricht.“

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, der mich jedoch nicht ganz überzeugen konnte. Ich vergebe 3 von 5 Sternen.

Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚