Filmreife Szenen und kulturelle Differenzen

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Die Kinder Layla und Nouri leben mit ihren Eltern in einer Altbauwohnung in Saarbrücken. Vater Amir, Babe genannt, stammt aus dem Irak und wurde von seiner Familie zum Studium nach Deutschland geschickt, hat zehn Jahre studiert und in dieser Zeit seine französische Frau Claire kennengelernt. Claire, Maman genannt, entstammt der französischen Bourgeoisie, liegt jedoch im Clinche mit ihrer bourgeoisen Mutter Lyne.

Das Buch erzählt auf zwei Zeitebenen. Die erwachsene Layla lebt in Paris als mittellose Schauspielerin und Schriftstellerin. Sie ist depressiv und hadert mit der Beziehung zu ihrem Vater. Einst ihr großer Held und Atheist, versteht sie seinen Lebenswandel hin zum religiösen Fanatismus nicht, der zum Scheitern der Ehe ihrer Eltern geführt hat.

In der zweiten Zeitebene erzählt Layla aus kindlicher Perspektive aus ihrem Leben. Besonders hängen geblieben ist bei mir das französische Weihnachtsessen in der Villa ihrer Großeltern, Oma Mamie und Opa Papi, das filmreif die unterschiedlichen Kulturen aufeinander prallen lässt. Witzig und zugleich bitterböse beschrieben, wie die Ansichten über Tischkultur, Religion und Politik auseinander gehen, wie die Antipathie der Großmutter gegenüber ihrem Schwiegersohn die Stimmung und das Verhältnis vergiftet und sich ein Kulturkampf schon innerhalb der Kernfamilie abspielen kann. Grandios beschrieben ist die einzige Reise der Familie nach Bagdad, verbunden mit dem Besuch von Oma Layla und Babes Verwandtschaft. Aber warum muss die Familie plötzlich in die Moschee und heilige Stätten besichtigen, wenn doch die Raubkopie von Michael Jacksons Film Moonwalker im Auto wartet?

Die schillerndste Figur im Buch ist Babe, der in Dubai und Irak unterwegs ist um Geschäfte zu machen. Computer, medizinisches Gerät verkaufen, das verspricht gutes Geld. Er träumt vom Reichtum und verspricht seinen Kindern ein Haus mit Rutsche direkt in den Tigris in Bagdad, wenn das Geschäft klappt oder eine Penthousewohnung mit Pferd in New York, wenn er die Stelle bei den Vereinten Nationen erhält. Leider wird aus alldem nichts. Der zweite Golfkrieg und das Embargo verhindern weitere Geschäfte mit dem Irak und die UN haben ihn auch nicht eingestellt. Aus Frust über sein Scheitern wird der Atheist Amir immer religiöser und zerstört damit Laylas Familie

Die Autorin Safia Al Bagdadi entwirft opulente filmreife Szenen, die kulturelle Differenzen offen legen. Unglaublich witzig und zugleich bitterböse Wortgefechte gepaart mit kulturellen und politischen Eindrücken aus dem Irak machen richtig Lust, dieses Buch zu lesen. Mir hat es sehr gut gefallen!