Große Unterhaltung

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
marieon Avatar

Von

Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft von einem manischen Höhenflug aus, in die tiefe Schlucht, in die sie hinabgeglitten war, doch es war zu spät. Die großen Gefühle waren da, aber sie waren beide zu kaputt, um den Traum von Familie und Idylle zu verwirklichen.

Layla hat viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Ihr irakischer Babe war zum Studium nach Saarbrücken gekommen, traf dort ihre französische Maman und warb um sie. Ja, er war charmant und spitzbübisch, steckte voller großer Zukunftsvisionen, aber sie rebellierte vor allem gegen ihre blasierte Mutter aus dem gehobenen Bürgertum.

Zuerst kam Layla auf die Welt und später ihr Bruder Nouri, den sie Seestern nennt. Sie erinnert sich noch gut an ihre ersten Flugversuche, vom Hochbett mit ausgebreitetem Tuch, wie Batman oder den schrägen Dielenboden hinab, wo sie es nie schaffte, noch vor dem großen Esstisch abzuheben und dann aus dem Fenster hinauszufliegen. Die Expeditionen mit Babe im Wohnzimmer, wo sie mit dem Schiff im Sand strandeten und sich gegen wilde Tiere verteidigen mussten, bis Seestern sie rettete und sie mit dem Teppich in die Lüfte flogen, wie bei Alibaba und den Räubern. Seesterns süßes Lachen, göttlich.

Layla hatte ihre Großeltern in Irak noch nie gesehen, Opa und Oma Lyne dagegen jedes Weihnachten. Sie fuhren zu der großen Villa, saßen gefühlt tagelang um den großen Wohnzimmertisch mit dem geblümten Geschirr und Tilda tischte Austern, Schnecken in Knoblauch, Paté, Gans mit Rotkohl und Klößen und Passionsfruchtsorbet auf. Noch bevor sie das Dessert vor sich stehen hatten, geschweige denn die Geschenke ausgepackt, stritten Babe und Oma Lyne, bis alle ins Auto springen und zurück nach Saarbrücken fuhren.

Fazit: Safia Al Bagdadi, Schauspielerin und Autorin, hat eine Familiengeschichte mit herrlich menschlichen Persönlichkeiten geschaffen. Ihre erwachsene Protagonistin verzweifelt daran, dass sie zu nichts kommt, obwohl sie arbeitet, seit sie vierzehn ist. Sie leidet unter Ängsten und Melancholie und hofft, dass eine Psychiaterin sie wieder in die Spur bringt. In dieser Therapie begegnet Layla unangenehmen Fragen, die dazu führen, dass sie sich mit ihrem Vater auseinandersetzt. Ein geselliger, allseits beliebter Mann, leidenschaftlicher Verfechter neuer Geschäftsideen und Querulant, der viel versprach und nichts hielt. Als der zweite Golfkrieg 1990 beginnt und der Irak mit einem Wirtschaftsembargo belegt wird, platzen Babes Träume. Er rutscht in eine Depression und die Mutter muss die Sorge für die Familie übernehmen. Aus dem einst schillernden Paar wird ein streitendes. Was mir an diesem Roman wirklich gut gefällt ist, wie Safia Al Bagdadi Laylas Kindheit beschreibt. So etwas Schönes, Lustiges, Anrührendes habe ich noch nicht gelesen. Ich spüre Layla mit jeder Zelle nach, lache und weine mit ihr. Was für eine tolle Persönlichkeit hier entstanden ist. Überhaupt sind alle Charaktere so authentisch gezeichnet. Die ganze Geschichte liest sich völlig reibungslos, obwohl es einen Schwerpunkt gibt, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Babe, der mit einer Leichtigkeit agiert, die ihm das Gefühl der Verantwortung nicht nur für seine Familie in Deutschland nimmt, sondern ihn auch seine traditionellen Verpflichtungen seiner irakischen Familie gegenüber vergessen lässt. Diese Ambivalenzen zwischen tougher Mutter und laissez-fairem Vater, der nicht verlässlich ist, führt bei Layla schließlich zu Prozessen der Selbstsabotage und dem Verzweifeln daran. Große Unterhaltung.