Inspirierende Geschichte

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
anniro200 Avatar

Von

Dieser Roman erinnert sich nicht an Kindheit, er bewegt sich in ihr. Die Erzählerin blickt nicht erklärend zurück, sondern bleibt lange auf Augenhöhe mit dem damaligen Erleben. Dadurch entsteht kein sauber sortierter Familienrückblick, sondern eine Abfolge von Eindrücken, Versprechen, Gerüchen, Übertreibungen – eine Wirklichkeit, die sich erst nach und nach als brüchig zeigt.

Im Zentrum steht Layla und ihre Familie in Saarbrücken. Der Vater erzählt Zukunft, die Mutter organisiert Gegenwart. Er entwirft unaufhörlich Möglichkeiten: neue Geschäfte, neue Länder, spektakuläre Aufbrüche. Vieles scheitert schnell, aber das Scheitern wird zunächst nicht als Problem wahrgenommen, sondern als Teil der Familienrealität. Die Mutter kommt aus einem wohlgeordneten Milieu, hat sich davon gelöst und trägt es dennoch weiter. Zwischen beiden entsteht kein klarer Gegensatz, sondern eine permanente Verschiebung – Stabilität und Improvisation greifen ineinander.

Der Text vermeidet es, diese Konstellation nachträglich zu bewerten. Für das Kind ergibt sie Sinn. Große Versprechen sind nicht unglaubwürdig, sondern selbstverständlich; Widersprüche fallen erst später auf. Gerade deshalb trifft der historische Einschnitt des Golfkriegs nicht als dramatische Wendung, sondern als langsame Verschiebung der Wahrnehmung. Die politischen Ereignisse werden nicht ausführlich erklärt, sondern wirken über Stimmungen, Gespräche, Blicke von außen. Der Vater verändert sich weniger plötzlich, als dass seine bisherigen Geschichten ihre Tragfähigkeit verlieren.

Safia Al Bagdadi schreibt ruhig und präzise, ohne Pathos. Komik entsteht aus Übertreibungen des Alltags – aus Plänen, die größer sind als die Wohnung, und aus der Ernsthaftigkeit, mit der sie verfolgt werden. Gleichzeitig kippt diese Komik nie in Spott. Die Figuren werden nicht entlarvt, sondern beobachtet. Selbst in Momenten der Entfremdung bleibt Nähe bestehen.

Das zentrale Thema ist Zugehörigkeit, allerdings nicht als Identitätsfrage formuliert. Es zeigt sich in kleinen Situationen: welche Sprache wann gesprochen wird, was erklärt werden muss und was nicht, wer etwas versteht, ohne dass es ausgesprochen wird. „Dazwischen“ beschreibt hier keinen Konfliktzustand, sondern einen Alltag, der erst im Rückblick kompliziert wirkt.

Der Roman arbeitet mit leichten Verschiebungen, mit Erinnerungslücken und kindlicher Logik. Tragik entsteht nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern dadurch, dass die gemeinsame Vorstellung von Zukunft langsam auseinanderdriftet. Gerade diese Zurückhaltung macht das Buch berührend: Es erklärt wenig und zeigt viel, und vertraut darauf, dass Leser die Lücken selbst füllen.