Wenn Herkunft und Erwartungen aufeinanderprallen

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sjs11 Avatar

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Safia Al Bagdadi erzählt eine eindrucksvolle Familiengeschichte mit vielschichtigen Charakteren. Im Mittelpunkt steht Layla, die als Erwachsene von Selbstzweifeln geplagt wird. Obwohl sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr arbeitet, hat sie das Gefühl, nicht wirklich voranzukommen. Sie leidet unter Ängsten und Melancholie und setzt ihre Hoffnung in eine Therapie, die sie dazu bringt, sich intensiv mit ihrem Vater auseinanderzusetzen.
Dieser erscheint als charismatischer, geselliger und ideenreicher Mann, der große Pläne schmiedet, jedoch wenig davon umsetzt. Mit dem Beginn des Zweiten Golfkriegs 1990 und dem Wirtschaftsembargo gegen den Irak zerbrechen seine Träume, er fällt in eine Depression, und die Mutter übernimmt zunehmend die Verantwortung für die Familie. Aus dem einst schillernden Paar wird ein konfliktreiches. Die Gegensätze zwischen einer starken, konsequenten Mutter und einem eher unzuverlässigen, laissez-fairen Vater prägen Laylas Entwicklung und führen zu inneren Konflikten, Selbstzweifeln und Phasen der Selbstsabotage.
Besonders berührend ist die Schilderung von Laylas Kindheit – sensibel, humorvoll und zugleich tief bewegend. Man fühlt mit ihr, lacht und leidet an ihrer Seite. Die Figuren wirken authentisch, die Geschichte liest sich flüssig und greift zugleich das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und familiärer Erwartungen auf.
Abschließend bleibt für mich ein insgesamt gelungenes Buch, auch wenn die Thematik stark zum Nachdenken anregt. Fragen nach Zugehörigkeit – wo man eigentlich hingehört – und danach, wie weit man geht, um sich selbst oder anderen zu gefallen, stehen eindringlich im Raum.
Das Ende des Romans empfand ich persönlich jedoch als etwas knapp gehalten. Hier hätte ich mir eine ausführlichere Ausarbeitung gewünscht, um die Entwicklungen und offenen Fragen noch intensiver nachklingen zu lassen.