Die Muse spricht zurück

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Die Leseprobe zu „Unsichtbare Musen" von Elisa von Hof hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Von Hof steigt mit der Geschichte von Cormac McCarthy und der damals 16-jährigen Augusta Britt ein, die er als Teenager kennenlernt und über Jahrzehnte an sich bindet – eine Geschichte, die exemplarisch zeigt, worum es in diesem Buch geht: Frauen, die als „Musen" hinter berühmten Männern standen, aber selbst kaum je erzählt wurden. Erst 2024 macht Britt ihre eigene Geschichte öffentlich. Genau diesen Rollentausch – von der Muse zur Erzählerin – will das Buch nachvollziehen.

Besonders überzeugt hat mich, wie klug von Hof den Begriff „Genie" seziert, bevor sie sich überhaupt der Muse zuwendet. Sie macht sichtbar, wie selbstverständlich wir uns bei „Genie" einen weißen, älteren Mann vorstellen, und fragt konsequent weiter: Warum eigentlich? Die Herleitung über die griechische Mythologie – die neun Musen bei Hesiod, der Musenanruf bei Homer, die schleichende Verschiebung von der göttlichen Inspirationsquelle zur bloßen, dekorativen Randfigur – liest sich nie trocken, sondern wie eine spannende Spurensuche durch Kunst- und Kulturgeschichte.

Auch der Abschnitt „Die Krux der Kreativität" hat mich zum Nachdenken gebracht. Die Anekdote über Marcel Reich-Ranicki, der öffentlich behauptet, „deutsche Frauen" könnten keine Romane schreiben, ist erschreckend und gleichzeitig entlarvend aktuell – von Hof zeigt an solchen Beispielen sehr präzise, wie tief die Vorstellung verwurzelt ist, dass Kreativität und Brillanz männlich codiert sind, und belegt das mit Studien statt nur mit Empörung. Das macht den Text angenehm faktenbasiert, ohne an Wucht zu verlieren.

Was mir gefällt: Von Hof schreibt als Kulturjournalistin mit klarem analytischem Blick, aber auch mit persönlicher Stimme – sie lässt eigene Zweifel und Beobachtungen aus ihrer journalistischen Arbeit einfließen, etwa zu den Machtstrukturen im Kulturbetrieb nach #MeToo. Dadurch wirkt das Buch nie wie eine reine Abhandlung, sondern wie ein Gespräch, das einen mitnimmt.

Nach dieser Leseprobe bin ich sehr gespannt, wie von Hof die angekündigten Kapitel zu Goethe, Picasso und Kanye West sowie die verschiedenen „Muse"-Typen – Managerinnen, Ko-Produzentinnen, Therapeutinnen – weiterentwickelt. „Unsichtbare Musen" verspricht ein kluges, gut recherchiertes Buch zu werden, das einen vertrauten Blick auf Kunstgeschichte gründlich durcheinanderwirbelt.