Die Musen ins Bild holen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
lesen.lauschen.lieben Avatar

Von

Fernande Oliviers kubistisches Meisterwerk „Les Demoiselles d’Avignon“.

Uma Thurmans cineastischer Geniestreich “Kill Bill”.

Véra Nabokovs literarische Sensation „Lolita“.

Klingt ungewohnt, oder?

In Elisa von Hofs „Unsichtbare Musen: Frauen, die unsere Welt veränderten“ bekommen diejenigen den Fokus, die unter dem Label „Muse“ große Kunst ermöglicht haben. Viele mit dem Namen eines männlichen Künstlers verknüpfte Meisterwerke würde es ohne diese Frauen nicht geben. Sie investierten Care-Arbeit, Inspiration und mitunter ihr körperliches und seelisches Wohlergehen in den künstlerischen Prozess eines Mannes. Dabei blieben sie oft unsichtbar, wenn die Welt das vermeintliche Genie feierte.

Von Hof führt uns auf 400 Seiten kreuz und quer durch die Jahrhunderte. Sie begleitet uns durch eine patriarchal geprägte Kulturindustrie, zu der Frauen lange keinen Zugang hatten. Viele Musen waren selbst Künstlerinnen, und die Mitarbeit an der Kunst ihres Mannes war oft die einzige Möglichkeit, sich selbst schöpferisch zu betätigen. Ihre Arbeit war oft unbezahlt und meistens unsichtbar. Im schlimmsten Fall wurde die Muse vom Künstler entwertet, verleugnet oder sogar missbraucht.

Elisa von Hof benennt Picasso, Gauguin, Lennon und viele andere als das, was sie waren: große Künstler und Gewalttäter. Das eine sollte nicht geschmälert, das andere nicht bagatellisiert werden. Es soll in diesem Buch nicht darum gehen, Meisterwerke zu entwerten, weil die zugeschriebenen Erschaffer Drecksäcke waren. Es geht vielmehr darum, die beteiligten Frauen mit ins Bild zu holen, das Machtgefälle zwischen Genie und Muse auszugleichen und den Mythos des Künstlers, der autonom und aus sich heraus Unsterbliches schafft, gründlich zu hinterfragen. Dabei porträtiert von Hof auch Frauen wie Gala Dali oder Véra Nabokov, die vergleichsweise selbstbestimmt ihre Arbeits- und Liebesbeziehungen eingegangen sind.

Ich war beim Lesen oft entsetzt, angewidert und wütend. Gut so. Die Autorin plädiert dafür, die Wut als Veränderungsmotor anzuerkennen. Damit das Verständnis von großer Kunst sich weitet, den Machtbereich des Genies sich verkleinert und Platz für neue Formen von Kunst und Zusammenarbeit entsteht.

Holen wir die Musen mit ins Bild.