Eigentlich küsst der Künstler die Muse

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
kleine hexe Avatar

Von

Elisa von Hof präsentiert uns hier ein Buch, das längst fällig war. Oder, wenn es auf der Welt gerecht zugänge, gar nicht erst hätte geschrieben werden müssen.
Die Argumente und Erklärungen der Autorin sind einleuchtend und überzeugend. Manche der Namen waren mir bekannt, andere neu. Beziehungsweise, ich kannte die Frauen, wußte aber nicht, was ihnen Regisseur und Produzent (Uma Thurmann z.B.) oder der Schriftsteller, den ich so sehr bewunderte, (Sofja Tolstaja), oder der Action-Maler mit den krassen Bildern (Lee Krasner). Dürfen Männer, die von der Umwelt für Genies gehalten werden, sich alles erlauben? Dürfen also die Genies Frauen und leider auch Mädchen, wie bei Lewis Carroll, Paul Gauguin, Luc Besson, Elvis Presley, sich zu eigen machen, sie in dienstbare Geister verwandeln, zu Krankenpflegerinnen, Managerinnen, Köchinnen, Kindermädchen - für sich selbst, wohlgemerkt, die eigenen Kinder sind zweitrangig - Sexsklavinnen, Leibeigenen, kurz alles, was eine Männerphantasie hervorbringen kann.
Kinder können sich nicht wehren, es sei denn, die Eltern greifen ein. Aber die Frauen? Die Musen, die sich selbst aufgeben, ihre eigenen Bedürfnisse und künstlerischen Ambitionen hinten anstellen, was ist mit ihnen? Man könnte sagen: diese Frauen können sich wehren, sie sind erwachsen. Aber sie geraten in solch einen selbstzerstörerischen Wirbel von Abhängigkeit, dass sie zu Gefangenen ihrer Genies werden. “Die Muse [aka Ehefrau oder Geliebte oder Partnerin] arbeitet ohne Anstellungsverhältnis. Sie stellt Körper, Wissen, Ressourcen, Zeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung” (S. 268). Und das tut die Muse Tag und Nacht, ohne Urlaub oder Erholung.
Die Genies, hat man manchmal den Eindruck, sind irgendwo in ihrer geistigen Entwicklung in der Pubertät stehen geblieben, Das Genie ist dann ein sogenanntes Man-child. Hat nie Verantwortung für sein eigenes Leben, geschweige denn für andere übernehmen müssen. Die Mütter, die älteren Geschwister, danach eben die Muse. Der Mann nimmt immer nur entgegen, während die als “weiblich codierte Dienstleistungen wie Liebe, Sex, Zuwendung, Bewunderung, weitere emotionale, soziale, reproduktive und fürsorgende Arbeit” den Musen obliegen. Hat Picasso, der Maler von Guernica und der Friedenstaube und vieler anderer wunderbarer Bilde, je zugegeben, was die Frauen für ihn getan haben? Hat Goethe jemals offiziell Christiane Vulpius für ihre Liebe und Fürsorge jemals offiziell gedankt? Ok, er hat sie geheiratet, aber bloß aus politischem Kalkül.
Es gäbe noch vieles zu schreiben über dieses Buch, über die Künstler, die darin vorkommen. Ich war selten dermaßen einverstanden mit einem Buch, wie mit diesem. Gutes, sehr gutes Buch mit einem absolut fantastischen und passenden Titelbild.