Ein feministischer Augenöffner
Jeder kennt Goethe, Dalí und Tolstoj, aber wem sagen die Namen ihrer Gefährtinnen, Geliebten und Ehefrauen, ihrer "Musen" wie Christiane Vulpius, Gala Dalí und Sofja Tolstaja etwas, geschweige denn, dass man etwas über ihr Leben und Schaffen wüsste? Und wie viel verdanken Meisterwerke wie „Faust“, die zerfließenden Uhren (eigentlich: „Die Beständigkeit der Erinnerung“) oder „Krieg und Frieden“ einem genialen Schaffensgeist ihrer männlichen Künstler – und wie viel der weiblichen Inspiration, Fürsorge, den Rückmeldungen, Korrekturen und dem Bereitstellen optimaler Schaffensbedingungen?
Dieser Frage widmet sich „(Un)sichtbare Musen“ mit enormer Ausdauer und hohem Informations- sowie Unterhaltungswert, indem es zwei fast immer geschlechtercodierte Rollenkonzepte, nämlich das des Genies und das der Muse, mit Leben aus zahlreichen historischen und aktuellen Beispielen füllt. Der Überblick über die zahlreichen Einzelfälle legt offen, wie Machtgefüge und Geschlechtszuweisungen der Rollen den „Genie und Muse“-Mythos über mehrere Jahrhunderte hinweg mit den Implikationen aktiv, kreativ, männlich auf der einen Seite und passiv, unterstützend, weiblich auf der anderen formten.
Systematisch analysiert die Situation Elisa von Hof zahlreicher künstlerischer Ausnahmetalente und der sie umgebenden Frauen und zeigt auf, welches Bild vom Schaffen und Charakter der ersteren sich ergibt, wenn man den Blick nicht auf ingeniöses Talent, weltberühmte Werke und gesellschaftliche Anerkennung verengt, sondern die kritischen Fakten und Stimmen zu ihrer Person, die Vorwürfe, die Beschreibung herrischer oder manipulativer Verhaltensweisen ernst nimmt. Von Hof öffnet damit nicht nur erneut den Raum für die Frauenstimmen, die zu oft stumm blieben und bleiben, oder sich nur in einzelnen Interviews, nur posthum oder in nie für die Öffentlichkeit bestimmten Tagebucheinträgen geäußert haben.
Die Stärke des Buchs, eine ausdifferenzierte Bestandsaufnahme vom Aufgabenspektrum der unter dem Musen-Label aktiven Frauen, zeigt zugleich die Schwierigkeit dieser Vorgehensweise: Wie kann man den Einzelschicksalen genug Raum geben und gleichzeitig eine gewisse Kategorisierung vornehmen? Dieser Spagat gelingt der Autorin auf erhellende, an einzelnen Stellen leichten rant-Charakter annehmende Art.
Wir treffen Foto- und Malereimodelle, Korrektorinnen und Therapeutinnen, Termin-, Finanz- und Familienmanagerinnen und erschreckend ungesunde Machtverhältnisse: Im Licht der Öffentlichkeit das scheinbar unabhängige, männliche Genie und in seinem Schatten eine oder mehrere Frauen, die das Leben und Schaffen des ersteren zwar maßgeblich prägen, aber oft unbekannt(er), ungefördert, und unabgesichert sind. Hinzu kommt die Schwierigkeit festzulegen, welchen Beitrag im Rahmen von „Inspiration“ bzw. haushälterischer, verlegerischer, umsorgender Arbeit die „Musen“ leisten, und wie solche sinnvoll benannt und gemessen werden könnte.
Für mich war das Buch ein breit recherchierter, erschütternder Augenöffner, den ich allen kunst- und kulturinteressierten sowie feministischen Leser:innen als spannende und bereichernde Lektüre empfehlen kann. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs (ja, es gibt Endnoten!) lässt es sich jederzeit verständlich, mit sehr modernem Ausdruck und, wo das Thema es zulässt, auch unterhaltsam lesen. Dass die Urteile der Autorin bzw. das Revidieren von im Mainstream festgeschriebenen, überhöhenden Urteilen für Ausnahmekünstler an einzelnen Stellen etwas mehr emotional als faktisch wirkt, ist der Argumentation und dem Gegenstand geschuldet: Schließlich lassen sich die kaum sauber abgrenzbaren Ressourcen und Aufgabenspektren der „Musen“ schwer messen – in welcher Einheit denn? – und somit genauso schwer vergleichen, aufwiegen oder ausbezahlen. Genau das bleibt die Crux sämtlicher Care-Arbeit von Goethes Zeiten bis heute. Der erste Schritt, den von Hof dahin unternimmt, ist es, sie auszuloten und treffend zu benennen.
Warum ein solches Buch nicht längst geschrieben wurde? Zu allen Einzelfällen der „(un)sichtbaren Musen“ gibt es bereits mehr oder weniger und unterschiedlich kritische Forschung, doch die Dynamiken um Künstler„genies“ strukturiert, systematisch und unter einer Genderperspektive zu beleuchten ist der Verdienst dieses Buchs.
Wie man in Zukunft mit diesen Rollen umgeht – abschaffen zugunsten klarer benannter Inspirations- und Abhängigkeitsverhältnisse? – ist die Frage, mit der die Autorin schließt und die sie letztendlich den Leser:innen zur Beantwortung überlässt.
Dieser Frage widmet sich „(Un)sichtbare Musen“ mit enormer Ausdauer und hohem Informations- sowie Unterhaltungswert, indem es zwei fast immer geschlechtercodierte Rollenkonzepte, nämlich das des Genies und das der Muse, mit Leben aus zahlreichen historischen und aktuellen Beispielen füllt. Der Überblick über die zahlreichen Einzelfälle legt offen, wie Machtgefüge und Geschlechtszuweisungen der Rollen den „Genie und Muse“-Mythos über mehrere Jahrhunderte hinweg mit den Implikationen aktiv, kreativ, männlich auf der einen Seite und passiv, unterstützend, weiblich auf der anderen formten.
Systematisch analysiert die Situation Elisa von Hof zahlreicher künstlerischer Ausnahmetalente und der sie umgebenden Frauen und zeigt auf, welches Bild vom Schaffen und Charakter der ersteren sich ergibt, wenn man den Blick nicht auf ingeniöses Talent, weltberühmte Werke und gesellschaftliche Anerkennung verengt, sondern die kritischen Fakten und Stimmen zu ihrer Person, die Vorwürfe, die Beschreibung herrischer oder manipulativer Verhaltensweisen ernst nimmt. Von Hof öffnet damit nicht nur erneut den Raum für die Frauenstimmen, die zu oft stumm blieben und bleiben, oder sich nur in einzelnen Interviews, nur posthum oder in nie für die Öffentlichkeit bestimmten Tagebucheinträgen geäußert haben.
Die Stärke des Buchs, eine ausdifferenzierte Bestandsaufnahme vom Aufgabenspektrum der unter dem Musen-Label aktiven Frauen, zeigt zugleich die Schwierigkeit dieser Vorgehensweise: Wie kann man den Einzelschicksalen genug Raum geben und gleichzeitig eine gewisse Kategorisierung vornehmen? Dieser Spagat gelingt der Autorin auf erhellende, an einzelnen Stellen leichten rant-Charakter annehmende Art.
Wir treffen Foto- und Malereimodelle, Korrektorinnen und Therapeutinnen, Termin-, Finanz- und Familienmanagerinnen und erschreckend ungesunde Machtverhältnisse: Im Licht der Öffentlichkeit das scheinbar unabhängige, männliche Genie und in seinem Schatten eine oder mehrere Frauen, die das Leben und Schaffen des ersteren zwar maßgeblich prägen, aber oft unbekannt(er), ungefördert, und unabgesichert sind. Hinzu kommt die Schwierigkeit festzulegen, welchen Beitrag im Rahmen von „Inspiration“ bzw. haushälterischer, verlegerischer, umsorgender Arbeit die „Musen“ leisten, und wie solche sinnvoll benannt und gemessen werden könnte.
Für mich war das Buch ein breit recherchierter, erschütternder Augenöffner, den ich allen kunst- und kulturinteressierten sowie feministischen Leser:innen als spannende und bereichernde Lektüre empfehlen kann. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs (ja, es gibt Endnoten!) lässt es sich jederzeit verständlich, mit sehr modernem Ausdruck und, wo das Thema es zulässt, auch unterhaltsam lesen. Dass die Urteile der Autorin bzw. das Revidieren von im Mainstream festgeschriebenen, überhöhenden Urteilen für Ausnahmekünstler an einzelnen Stellen etwas mehr emotional als faktisch wirkt, ist der Argumentation und dem Gegenstand geschuldet: Schließlich lassen sich die kaum sauber abgrenzbaren Ressourcen und Aufgabenspektren der „Musen“ schwer messen – in welcher Einheit denn? – und somit genauso schwer vergleichen, aufwiegen oder ausbezahlen. Genau das bleibt die Crux sämtlicher Care-Arbeit von Goethes Zeiten bis heute. Der erste Schritt, den von Hof dahin unternimmt, ist es, sie auszuloten und treffend zu benennen.
Warum ein solches Buch nicht längst geschrieben wurde? Zu allen Einzelfällen der „(un)sichtbaren Musen“ gibt es bereits mehr oder weniger und unterschiedlich kritische Forschung, doch die Dynamiken um Künstler„genies“ strukturiert, systematisch und unter einer Genderperspektive zu beleuchten ist der Verdienst dieses Buchs.
Wie man in Zukunft mit diesen Rollen umgeht – abschaffen zugunsten klarer benannter Inspirations- und Abhängigkeitsverhältnisse? – ist die Frage, mit der die Autorin schließt und die sie letztendlich den Leser:innen zur Beantwortung überlässt.