Noch mehr beklaute Frauen

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„Je mehr in den vergangenen Jahren über die Arbeitsumstände in der Kulturindustrie bekannt wurde, desto mehr begann ich, an dem System selbst zu zweifeln. An den Strukturen, die überkommen wirken, an der Macht, die einzelnen zukommt (im Gegensatz zu dem, was auf Bühnen zelebriert wird), an der Arbeit, die gerade Idealistinnen häufig ausbeutet, an den Euphemismen, die wir uns darüber erzählen. Und auch am Publikum, das sich behände weigert, Idole als fehlbare Menschen anzuerkennen.“

Wir kennen das: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine fleißige Frau. Eine Frau, die das Leben des Mannes managet (Haushalt, Termine, Familie etc.), die ihm mental zur Seite steht - bauchpinselt, unterstützt, therapiert, als Blitzableiter zur Verfügung steht - und die nebenbei selbstverständlich für den (ehelichen) Beischlaf zur Verfügung steht. Darüber hinaus, und das wird noch tiefer unter den Teppich gekehrt, sind Frauen häufig mindestens als Assistentin in das großartige Werk ihres Mannes involviert, oft sogar als direkte Inspirations- und Ideenquelle und manchmal die ausführende Kraft selbst.

Elisa von Hof deckt dieses Phänomen in ihrem spannenden Buch „(Un)sichtbare Musen“ wunderbar auf. Sie zeigt anhand von Beispielen aus der Geschichte, welche berühmten Männer sehr stark von ihren (unsichtbaren) Frauen unterstützt wurden. Sie erklärt den Begriff des Genies (der erfolgreiche weiße Mann, der vom Publikum auf einen Sockel gehoben wird) und seiner Muse (die nackige, schöne, weiße Frau an des Genies Seite, lieb und gut für Sex). Sie zerlegt dieses Konzept, analysiert und kritisiert es, denn es führt zwangsläufig zur Degradierung bis hin zur Unsichtbarmachung mitwirkender Frauen.

Das Buch ist so spannend zu lesen und so wichtig. Und es macht, ehrlich gesagt, sehr wütend.

„Die Idee dieses Buches ist also nicht, Kunst madig zu machen, sondern die ins Scheinwerferlicht zu rücken, die dafür gearbeitet und häufig auch gelitten haben: Frauen.“

Und eigentlich tut sie das auch nicht: die Kunst madig machen. Dennoch habe ich beschlossen, dass ich z.B. von Tolstoi niemals etwas lesen werde, denn sein Verhalten und seine Misogynie gehen tatsächlich über das erträgliche Maß hinaus.

Dieses Buch wird im Regal einen Platz zwischen Leonie Schölers „Beklaute Frauen“ und Nicole Seiferts „(Frauen)literatur“ finden. Eine unbedingte Leseempfehlung!