Die heilende und zerstörerische Kraft der Elemente
Marissa schreibt Begleittexte für die Fotos eines Reisemagazins. Sie beschreibt das Paradies. Oder vielmehr, die Hochglanzversion des Paradieses. Es ist das Jahr 2012. New York.
Doch etwas stimmt nicht. Die ersten Seiten sind verstörend, irritierend, denn in einem Restaurant der gehobenen Klasse würgen und husten plötzlich alle Anwesenden einzelne Körperteile einer jungen Frau auf ihre Tische.
Als Marissas Mutter stirbt, ziehen sie und ihr Vater nach Thailand, wo der Vater auf einer winzigen Insel gemeinsam mit Rosie und Matthew die Meeresforschung seiner Frau fortsetzt. Die kleine Inselgemeinschaft ist die Zuflucht für die Trauernden und Marissa findet vor Ort in Arielle eine seelenverwandte beste Freundin. Es ist ein Leben im Einklang mit dem Meer, den Mantarochen, den Korallen, den Schildkröten, den Gezeiten. Sie lernt, das Wetter zu lesen, ihren Instinkten zu trauen.
2012 blickt Marissa auf das Jahr 2004 in Thaliand zurück, und trotzdem greifen die Erzählstränge eng ineinander. Männer bleiben übergriffig, der Sex-Tourismus ist nicht ortsgebunden. Die Ausbeutung der Meere schwappt bis New York auf die Cover der Reiseführer und die Teller der Restaurants.
Tara Menon beschreibt intensiv, voller Farben, Gerüche, Geschmäcker. Der Monsun ist nass, die feuchte Hitze klebt, die Nacht pulsiert, die Sprache singt. Die Unterwasserwelt ist traumverloren schwebend schön. Die Mädchen fühlen mit aller Macht, Trauer, Freundschaft, Eifersucht, Liebe, es greift aus den Seiten und zieht uns hinein in eine unbeschreibliche Lebenswelt. Bis die Katastrophe kommt, auf die sich alles verdichtet.
Die Trauer ist allumfassend, die Freundschaft zeitenüberdauernd. Die Natur wird zur dritten Protagonistin, wunderschön, zerstörerisch, wild. Es ist eine Geschichte in stiller Dramatik, über die Vertreibung aus dem Paradies, den Umgang mit Trauer und die Erkenntnis, das zum Menschsein auch der Kontrollverlust gehört. Schmerzhaft und tröstlich zugleich.
Unter Wasser ist ein ganz starker Roman, der eine soghafte Kraft entfaltet.