Die Kraft der Welle

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pina27 Avatar

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Der Roman Unter Wasser von Tara Menon spielt an zwei sehr unterschiedlichen Schauplätzen: dem paradiesisch-idyllischen Thailand und dem eher grau und düster wirkenden New York. Diese Gegensätze prägen nicht nur die Atmosphäre der Geschichte, sondern auch die Wahrnehmung der Protagonistin Marissa.
Während Thailand lebendig, farbenreich und naturverbunden beschrieben wird, erscheint New York fast beklemmend – eine Welt, die vom Menschen dominiert ist, geprägt von Konsum und einer gewissen Entfremdung zur Natur. Diese Unterschiede spiegeln sich auch deutlich in Marissa wider. In den New-York-Passagen wirkt sie auf mich eher distanziert, emotionsarm und passiv im Umgang mit anderen Menschen. Ganz anders hingegen in Thailand: Dort erlebt man sie offener, lebendiger und nahbarer.

Besonders hervorheben möchte ich die Darstellung der Unterwasserwelt. Die Beschreibungen – vor allem rund um Mantarochen und andere Meeresbewohner – sind nicht nur bildhaft, sondern auch sehr eindrucksvoll. Man hat das Gefühl, selbst mit dem Forschungsteam hinauszufahren, ins Wasser zu springen und die Tiere aus nächster Nähe zu beobachten. Diese Szenen haben bei mir ein Mittendrin-Gefühl ausgelöst, ganz im Gegensatz zu den eher distanzierten Passagen in New York, bei denen ich mich oft wie eine reine Beobachterin gefühlt habe.
Ein weiterer Punkt, der mir gefallen hat, ist die thematische Tiefe des Romans. Naturgewalten wie ein Tsunami in Thailand oder ein Hurrikan in New York spielen eine zentrale Rolle und regen zum Nachdenken an. Besonders die Darstellung des Tsunamis hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie stark Menschen unter solchen Katastrophen leiden. Der Roman schafft es, Mitgefühl zu wecken und gleichzeitig das eigene Leben in ein neues Verhältnis zu setzen – man wird sich bewusster, wie gut man es oft hat.

Trotz positiver Aspekte konnte mich "Unter Wasser" nicht ganz überzeugen: Über weite Strecken hinweg fehlte mir etwas die Spannung. Die sehr ausführlichen und bildhaften Beschreibungen waren zwar atmosphärisch, wirkten aber teilweise etwas zu dominant. Zudem fiel es mir schwer, eine tiefere emotionale Verbindung zu Marissa aufzubauen, was vermutlich auch an ihrer distanzierten Art – besonders in den New-York-Kapiteln – liegt. Ihre Trauer um ihre beste Freundin ist verständlich und ihr Leben wird dadurch in eine gewisse Richtung gelenkt, so dass sie kaum Beziehungen eingehen kann. Jedoch war mir das zu melancholisch.

Insgesamt ist Unter Wasser ein atmosphärisch dichter Roman mit starken Naturbeschreibungen und einer wichtigen Botschaft, der vor allem durch seine eindrucksvollen Thailand-Passagen überzeugt und zum Nachdenken anregt.
Aber leider blieben die Charaktere und Handlungen fremd und distanziert. Dafür gab es zu viele Beschreibungen der Tiere und Natur.