Trauer, Trauma & Zerbrechlichkeit der Erde

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Tara Menon’s Roman „Unter Wasser“ spielt an 2 Schauplätze und zu 2 unterschiedlichen Zeitachsen: in Thailand lernen wir die jugendliche Erzählerin und ihre Freundin Arielle kennen und begleiten parallel - im 8 Jähre später spielenden Zeitstrang - die Erwachsene Erzählerin, die mittlerweile in New York lebt. Thailand, damals, fühlt sich bunt, idyllisch, paradies-ähnlich an, - wir erfahren viel über die Tiere, die das Meer ihren Lebensraum nennen, und die Forscher, die diesen Lebensraum über alles schätzen,- New York, auf der anderen Seite, liest sich eher wie eine düstere, grauere Welt, die vom Menschen als Feind der Natur und als Konsumopfer (oder Täter?) eingenommen wird.

In dem New York-Strang überwiegt vor allem der beobachtende Charakter der Erzählerin: sie ist sehr passiv, emotionskalt, unbeeindruck und interagiert sehr wenig mit ihren Mitmenschen. Nicht selten werden hier jedoch auch Erlebnisse aus Thailand geschildert, die noch weiter zurück liegen, als der 2004-Strang. Insbesondere am Anfang des Romans hat mich dies oft verwirrt,- mir fehlte oft der Überblick über das Alter der Charaktere in 2004, da im 2012-er Strang oft von der frühen Kindheit erzählt wurde, die wiederum deutlich vor der Zeiteben 2004 spielt. Zudem sind diese Einwürfe oft sehr kurz, aber durch klare Absätze wiederum sehr stark abgesetzt - dennoch wirken sie wie kurze gedankliche Abschweifungen, die kommen und gehen; als würden sie die Erzählerin ablenken vom eigentlichen Geschehen. Dies ist eine schlüssige Erklärung, die auch deutlich zum Inhalt des Romans passt. Gleichzeitig finden jedoch auch in der 2004-Ebene Rückblicke in die Vergangenheit statt, was sich für mich dann schlussendlich eher etwas inkonsequent angefühlt hat. Es stellte sich für mich oft die Frage, ob es die 2 Handlungsebenen wirklich gebraucht hat, oder ob man die Geschehnisse nicht aus einem einzelnen Strang heraus hätte erzählen können, mit organischeren Wechseln zwischen den Zeitebenen.
Im weiteren Lauf des Buchs, spätestens nach der Hälfte jedoch, waren bei mir die ersten Orientierungsschwierigkeiten überwunden: beide Stränge gewannen an Spannung und Sogwirkung. Wir verstehen die Erzählerin, können ihre Perspektive auf die Welt besser nachvollziehen. Insbesondere die großen Themen: Trauer und ihre Bewältigung, sowie Weltschmerz, werden genauer beleuchtet und laden zum Mitfühlen ein. Menon schafft es außerordentlich gut, Klimakatastrophen zu be- und umschreiben. Sie illustriert einen Moment durch kräftige Bilder und lässt diesen Eindruck stehen um ihre volle Wirkung zu entfalten. Dies gelingt ihr ohne den Leser aktiv für klimaschädigende Verhaltensweisen des Menschen zu kritisieren oder gar anzuprangern. Hier kommen wir auch gleich zur großen Stärke des Romans: es geht viel mehr ums Mitfühlen mit der Welt und den Menschen, die Opfer von Naturgewalt werden. Es schmerzt förmlich, die Zeilen zu lesen, und an der ein oder anderen Seite macht sich ein großes Gefühl der Hilflosigkeit breit. Der Roman zeigt auf, wie zufällig und tragisch das Leben ist, wie Trauer und Traumata nicht immer nach Schema x bewältigt werden können und viele Wunden auch einfach bleiben und akzeptiert werden müssen. Aber auch: wie fragil und wundersam unser Planet Erde ist.

Eine Leseerfahrung, die sich anfühlt wie ein kleiner Ausflug in das Innenleben eines gebrochenen Menschen, der die Natur liebt, jedoch von ihr verlassen wurde. Dennoch ist der Roman mit seinen 205 Seiten ein eher kurzer Ausflug und kein großer, emotionaler Ritt.
Und: absolut keine Leseempfehlung für den nächsten Badeurlaub!