wahnsinnig intensiv und berührend!

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madame_f Avatar

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In manche Bücher taucht man ein und kommt später gefüllt mit neuen, sinnlichen Eindrücken wieder an die Oberfläche. Unter Wasser von Tara Menon war für mich genau so ein Buch: eines, das mich auf einer fast körperlichen Ebene berührt hat. Im Zentrum steht dabei die Erfahrung von der Gleichzeitigkeit von Schönheit und Zerstörung.
Wir folgen Marissa, der Erzählerin, auf zwei Zeitebenen: als Kind in Thailand, wo sie nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater auf einer winzigen Insel lebt und die meiste Zeit mit ihrer besten Freundin verbringt – und als Erwachsene in New York, wandernd durch die Stadt kurz vor einem angekündigten Sturm.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die Art, wie hier Natur beschrieben wird. Das Meer ist in diesem Roman kein bloßer Hintergrund, sondern ein lebendiger, atmender Raum voller Schönheit und Gefahr. Beim Lesen wollte ich stellenweise selbst mit den Mädchen zwischen den Rochen schwimmen, diese Leichtigkeit, dieses Staunen teilen. Und doch liegt über allem immer auch eine leise Bedrohung. Das Schöne und das Schreckliche existieren hier nicht getrennt voneinander, sondern greifen ineinander wie Wellen. Nichts ist eindeutig, alles bleibt sowohl-als-auch.
Schon früh wird diese Dualität deutlich: Der Tod der Mutter, ausgelöst durch einen Blumenlaster, verbindet auf fast schmerzhafte Weise etwas Zartes mit etwas Brutalem. Diese Spannung zieht sich durch das ganze Buch. In Thailand wird das Meer zur Quelle von Glück und Nähe, aber auch zur Kraft der Vernichtung. Da sind diese kleinen, poetischen Details, die das Buch so besonders machen: die „wandelnden Blätter“, die sie schlafenden Touristen auf die Haut legen, die genaue Beobachtung von Bewegungen, Licht, Wasser. Gerade diese zarten Momente machen die späteren Zerstörungen umso eindringlicher. Die unausweichliche Monsterwelle wirkt dabei nicht wie ein plötzlicher Bruch, sondern wie eine Konsequenz einer Natur, die immer schon größer war als der Mensch.
Besonders eindrucksvoll fand ich den Kontrast zu New York. Die Stadt erscheint zunächst wie das Gegenstück zur natürlichen Welt Thailands: modern, laut, entfremdet. Und doch beginnt auch hier alles mit feinen Naturbeobachtungen – Vögel, Schildkröten (putzig, aber bedrohlich für die heimische Tierarten – wieder diese Ambivalenz!), kleine, fast übersehbare Momente. Es ist, als würde die Natur selbst im urbanen Raum leise weiteratmen. Doch je näher der Sturm rückt, desto mehr kippt die Atmosphäre, die Ordnung der modernen Stadt erweist sich als fragil. Der herannahende Sturm legt offen, dass auch hier die Natur nicht verschwunden ist, sondern lediglich verdrängt wurde. Was zunächst unscheinbar wirkt, wird bedrohlich, bis schließlich auch hier die Verletzlichkeit des Menschen gegenüber der Natur sichtbar wird. Zugleich spürt man als Leser:in den Verlust der intuitiven Wahrnehmung sehr deutlich: Der Mensch verliert durch seine Distanz zur Natur einen Teil jener Sensibilität, die für das Überleben entscheidend wäre.
Für mich ist Unter Wasser vor allem ein teif emotionales Buch. Es erzählt von Trauer, von Freundschaft und vom Erwachsenwerden, aber noch mehr von unserem Verhältnis zur Natur. Es zeigt eine Welt, in der Schönheit und Gefahr nicht voneinander zu trennen sind, und verweist damit auf eine grundlegende psychologische Erfahrung: dass Sicherheit oft nur eine fragile Konstruktion ist. Es zeigt, wie klein wir sind angesichts der Kraft der Natur – und wie sehr wir sie gleichzeitig brauchen und bewundern.
Menon gelingt es, diese Einsicht nicht abstrakt zu formulieren, sondern sinnlich erfahrbar zu machen. Große Lese-Empfehlung!