Wer darf wie um wen wie lange trauern

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sarahjanebooks Avatar

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Was für ein intensives Buch! Das hätte ich nach den ersten Seiten gar nicht gedacht. Es fiel mir einigermaßen schwer, reinzukommen. Marissa, die Erzählerin und Protagonistin, kommt aus einer Familie von Meeresbiologen und das merkt man auf den ersten Seiten. Danach habe ich mich dran gewöhnt und die Fremdwörter fielen auch nicht mehr in so großer Dichte. Auch wurden dann die Sinneseindrücke nicht mehr so aggressiv genutzt. Anfangs schien es, als wolle die Autorin ein "Show, don't tell"-Lehrbuch schreiben, was ein tolles Stilmittel für den Kontrast zum beruflichen Schreiben der Protagonistin war - und abnahm, als dieser Punkt gemacht war, so schien es.
Schon nach dem ersten Kapitel, ab S. 22, war ich aber in der Geschichte drin und Unter Wasser hat mich voll in seinen Sog gezogen. Ich mag die ruhige Erzählweise, die keinen steilen Spannungsbogen hat. Dafür einen unsichtbaren, der umso dramatischer enden wird, denn die meisten erinnern sich noch an den Tsunami in Südostasien 2004. Umso spannender finde ich diese Zeitebene - dass es dramatisch werden wird, ist einigermaßen offensichtlich, aber bis dahin war es eben ein normaler Tag im Urlaubsparadies.
Die Autorin legt aber auch besonderen Wert darauf, vom normalen Leben zu erzählen, und darauf hinzuweisen, wie es in den Urlaubsländern hinter der Fassade, die Touristen geboten bekommen, aussieht und zugeht. Das gefiel mir, genau wie ihre Art, die Natur organisch immer wieder einzubringen: Vögel, Pflanzen, Meeresbewohner, Tiere allgemein werden sehr spezifische Spezien genannt, was erst unnötig erschien, aber den besonderen Reiz ausmacht, weil es durch das ganze Buch durchgezogen wird. Auch wird durch kleine Nebenbemerkungen immer wieder subtil darauf hingewiesen wird, wie machtvoll die Natur ist und gleichzeitig wie gewaltsam und gefährlich.
Immer wieder schwingt Marissas Verlust durch den Tsunami durch, wie sie damit umgeht, dass Trauer kein eingebautes Verfallsdatum hat - und scheinbar nicht jeder gleich trauern darf, in den Augen der Gesellschaft, je nachdem, welchen Verlust man erlitten hat. Vom reinen Verlust abgesehen, hat das Ereignis langfristige Folgen für Marissa, was zur zweiten Bedeutung des Titels führt.
Das Cover gefällt mir ästhetisch sehr gut. Allerdings erinnert es mich mehr an einen Swimmingpool mit klarem Wasser - gerade die Wucht der Natur, die immer wieder thematisch aufgegriffen wird, geht hier leider unter. Das schmälert aber nicht meine Begeisterung für das Buch.