Familie und andere Abgründe

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Father Andrew hat Erbarmen mit den Flynns. Die Flynns, das sind die verlorenen Schäfchen, die schon länger nicht mehr im Gottesdienst waren. Da sind drei Töchter, die sich zunehmend jeder Ordnung entziehen, und Eltern, die in einer seltsam entgleisten Ehe leben.

Vater Bud phantasiert an diesem Abend von seinem Suizid. Nicht nur Geldprobleme kränken seinen männlichen Stolz, sondern auch die Tatsache, dass der ständige eheliche Streit erst ein Ende fand, als er widerwillig dem Vorschlag seiner Frau Catherine auf eine offene Ehe zustimmte. Und die drei pubertierenden Töchter reagieren auf ihre Weise: mit Trotz, mit Spiel, mit einem merkwürdigen Gespür dafür, wie scheinheilig die Welt der Erwachsenen geworden ist.

Wie unspektakulär all das zunächst erzählt wird! Kein großes Pathos, keine dramatische Zuspitzung. Stattdessen leise Alltagsszenen, die fast beiläufig wirken: eine Beichte, ein Gespräch im Auto, ein kurzer Besuch beim Nachbarn. Und gerade dadurch entfaltet sich nach und nach eine Geschichte, die mehr unter der Oberfläche arbeitet, als sie offen zeigt. Man liest mit einer gewissen morbiden Neugier vom Leid dieser Familie, das von einem trockenen, oft überraschend komischen Ton getragen wird. Der Humor ist dabei nie bloß entlastend, sondern eher ein Mittel, die Risse noch sichtbarer zu machen. Die Figuren selbst scheinen ihn ebenfalls zu brauchen, um ihr Leben überhaupt auszuhalten. Schon nach wenigen Seiten wird man hineingezogen in die dysfunktionale Welt der Flynns. Und stellt sich vor allem eine Frage: Wie lange kann das noch gut gehen?