beste Unterhaltung mit vielen kritischen Denkanstößen

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
diebuchbloggende Avatar

Von

Jep, das Buch hat fast 500 Seiten. Und jep, du wirst genauso durchfliegen wie ich, ich bin mir sicher.

Denn was Yesteryear von Claire Caro Burke da auffächert, passt wirklich auf keine Kuhhaut. Pun intended.

Mit Natalie, der Protagonistin, konnte ich mich dabei zu absolut keinem Zeitpunkt identifizieren. Sie eröffnet ihre Geschichte direkt mit der Überzeugung, dass Menschen sich einfach zusammenreißen und funktionieren müssten, was sie selbst offensichtlich perfektioniert hat: immer angepasst und effizient, immer bereit, noch ein bisschen mehr aus sich herauszupressen, bis irgendwann gar nichts Menschliches mehr übrig bleibt außer Performance.

Sie ist dabei nicht die typische Figur, die man sofort versteht oder retten will, sondern jemand, der so tief in diesem Dauerzustand aus Kontrolle und Selbstoptimierung steckt, dass ihr gesamtes Leben irgendwann aussieht wie das fiebrige Endstadium eines Tradwife-Accounts mit Sauerteigstarter, handgetöpferter Butterdose und fünf perfekt gefilmten Kindern im Gegenlicht.

Die Farm war ursprünglich nicht mal ihre große Vision, sondern eher ein Prestigeprojekt für ihren lethargischen Ehemann. Dieser hatte ernsthaft überlegt, Erzieher zu werden, worauf Natalie reagierte, als hätte er angekündigt, fortan nur noch barfuß durch Wälder zu laufen und Gedichte an Bäume zu tackern. Die Vorstellungen davon, was und wie Männer und Frauen zu sein haben, hängen sowieso die ganze Zeit wie ein muffiger Vorhang über der Handlung, über Arbeit, Körper, Ehe, Mutterschaft und selbst darüber, wer überhaupt sichtbar sein darf, während andere Menschen irgendwo im Hintergrund schuften und die perfekte Idylle am Laufen halten (denn natürlich schafft man einen Farmbetrieb, fünf+ Kinder sowie eine erfolgreiche Influencerinnenkarriere inkl. Onlineshop nicht zu zweit.)

Und dann ist da noch Natalies Fixierung auf Reena, ihre ehemalige Kommilitonen, auf die sie einerseits herabschaut - siehe Zitat auf Slide 3 -, die sie andererseits aber permanent online stalkt. Dieses ständige Beobachten und Interpretieren, dieses obsessive Kreisen um jede Bewegung und jede Aussage, war teilweise so unangenehm, dass ich beim Lesen wirklich körperlich zusammengezuckt bin, aber eben genau auf diese Art, bei der man trotzdem nicht aufhören kann weiterzulesen.

Ich glaube, jede*r liest hier ein anderes Buch, weil permanent neue Themen aus dem Boden schießen: US-Politik, der ganze Manosphere-Unfug, Querdenkerei, Momfluencerinnen, Ausbeutung marginalisierten Gruppen, schon-irgendwie-Feminismus und Girlbossing und dieser absurde Wunsch nach einer angeblich einfacheren Vergangenheit, die für sehr viele Menschen damals übrigens ziemlich beschissen war, und trotzdem wirkt nichts davon wie hineingeworfene Relevanzmunition, sondern eher wie die unangenehme Erkenntnis, dass diese Dinge sowieso längst miteinander verwachsen sind. Die Vielzahl dieser Themen kann natürlich in nur einem Werk nicht erschöpfend "abgearbeitet" werden, aber dennoch fand ich die Mischung sehr gelungen.

Dazu kommen diese verschiedenen Zeitebenen, die so gut ineinandergreifen, dass ich irgendwann komplett vergessen habe, wie viele Seiten das Buch eigentlich hat, weil ständig dieses Gefühl mitschwingt, dass irgendetwas nicht stimmt, selbst in den Szenen, die nach frisch gebackenem Brot, Familienidylle und Farmromantik aussehen sollen. Genau darin liegt für mich auch das Verstörende an dem Buch, weil es diese ästhetisierte Sehnsucht nach „Tradition“ nicht einfach nur veräppelt, sondern seziert, bis sichtbar wird, wie schnell aus hübschen Bildern Ideologie wird, aus Selbstinszenierung Kontrolle und aus diesem ganzen Backen-Beten-Posten plötzlich ein Leben, das sich anfühlt wie ein goldener Käfig mit Affiliate-Links.

Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, dass die Autorin sehr genau verstanden hat, warum diese Inhalte online so gut funktionieren, obwohl sie gleichzeitig zeigen, wie wahnsinnig brüchig diese perfekt gefilterten Welten eigentlich sind. Für mich beste Unterhaltung mit vielen kritischen Denkanstößen - gerne mehr davon! Für das absolute Highlight hätte mir aber noch mehr Tiefgang gefehlt. Das Ende war für mich alten Dystopie-Fan tatsächlich relativ naheliegend ;)