„Eine Familiensaga zwischen Dolce Vita und Revolution“

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Daniel Speck nimmt mich mit nach Bella Italia, in die 1950er und 1960er Jahre, direkt hinein in die Mailänder „Villa Rivolta“ und deren Bewohner.

Alles beginnt jedoch später (1979), als der 14jährige Tonino auf einer Baustelle eine Wehrmachtspistole findet, für die sich auch die Polizei interessiert. Toninos Mutter Valeria packt kurzerhand ihre Sachen und fährt mit ihm Richtung Maremma zu Piero.

Es sind diese beiden Zeitebenen, die im Wechsel erzählt werden, wobei das Hauptaugenmerk auf den früheren Jahren liegt. Als Kinder begegnen sich Piero Rivolta und Valeria im Garten der Mailänder Villa. Sie freunden sich an, verbringen viel Zeit miteinander, allerdings geschieht dies heimlich, denn Valerias Mutter, die für die Familie Rivolta in deren Villa arbeitet, findet es nicht schicklich, dass die Tochter eines Dienstmädchens sich mit dem Sohn des Hauses trifft.

Es ist u. a. die Geschichte von Iso Rivolta, dem von Renzo Rivolta gegründeten Hersteller von Sportwagen, deren Anfänge Kühlgeräte waren. Über Motorroller war es dann die Isetta, die heute noch jeder zumindest dem Namen nach kennen dürfte, bis hin zu luxuriösen Sportwagen. Die Produktionsanlagen befanden sich in Bresso, die Produktpalette mitsamt den Konstrukteuren ist anschaulich beschrieben wie auch der ewige Kampf um die Finanzierung. Das Buch ist aber sehr viel mehr als der Alltag in der Fabrik mitsamt den Arbeitern, unter ihnen waren auch die im Norden Italiens nicht sonderlich beliebten Sizilianer.

Und es ist vor allem die Geschichte von Piero und Valeria und ihrer Zeit. „Wir leben in einer Männerwelt“ dachte Valeria - die Rolle der Frau damals schwingt stets mit. Und nicht nur das. Es sind die Nachkriegsjahre. Die italienische Wirtschaft erholt sich langsam, geprägt auch von Klassenunterschieden und dem Nord-Süd-Gefälle Italiens - Modernität gegen traditionelle Werte. Die Binnenmigration war in vollem Gange. Daniel Speck erzählt davon. Vom industriellen Aufschwung, vom Dolce Vita und von der kulturellen Revolution, vom sizilianischen Arbeitersohn Flavio, der eines Tages auf Valeria trifft. Beide verlieben sich, Flavio jedoch kann seinen Kampf gegen Diskriminierung nicht aufgeben. Und er erzählt von Piero, der in jungen Jahren Verantwortung für das familieneigene Unternehmen übernehmen muss. Und auch ist es die Freundschaft zwischen ihm und Valeria, die diesen Roman prägt. Eine Freundschaft, die ein Leben lang anhält.

Es ist mein Italien, von dem ich lese. Auch wenn ich das Land erst sehr viel später kennen- und liebengelernt habe, so bin ich doch tief eingetaucht in diese Geschichte, die über mehrere Jahrzehnte von einem Land und dessen Menschen erzählt. Von Freundschaft und Liebe, von Nähe und Verlust, von Glück und Unglück, von Existenznöten über alle Schichten hinweg – und dies generationenübergreifend. Ein wundervolles Buch, das ich nicht missen möchte und das mich anregt, mehr von dem Autor zu lesen.