Vom Versprechen der Kindheit

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julirudi Avatar

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In „Villa Rivolta“, dem neuen Roman von Daniel Speck, verbringen Valeria, die Tochter der Haushälterin, und Piero, der Sohn einer wohlhabenden Mailänder Automobilunternehmerfamilie, als Kinder unbeschwerte Stunden im Garten der Villa. Sie schwören sich ewige Freundschaft. Dabei entsteht zumindest in Valeria mehr als nur Freundschaft. Sie verliebt sich in Piero und muss dennoch erfahren, dass eine Liebe unmöglich ist, da sie unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehören.

Der Roman beginnt Ende der 70er in Italien mit dem Ich-Erzähler Tonino, Valerias Sohn und führt die Leser in vergangene Epochen seit Ende des Zweiten Weltkrieges.
Als Tonino eine Waffe in einer Baugrube findet, sie mit zur Schule nimmt und dadurch in Schwierigkeiten gerät, wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die alte Geschichten und lange gehütete Geheimnisse ans Licht bringt. Valeria sucht Hilfe bei Piero, ihrem einstigen Kindheitsfreund, und auf dem Weg zu ihm entfaltet sich ihre Lebensgeschichte: die Jahre in der Villa Rivolta, ihre tiefe, komplizierte Verbindung zu Piero und die Beziehung zu Toninos Vater Flavio.

Auf über sechshundert Seiten verwebt Speck persönliche Schicksale mit gesellschaftlichem Wandel. Es geht um die glanzvolle Welt der Rivolta-Automobile, um Streiks in den Fabriken und die Studentenunruhen der 1960er-Jahre. Im Zentrum jedoch steht die seelische Verbundenheit zwischen Valeria und Piero – eine Nähe, die zugleich Kraftquelle und Hindernis ist.
Während Valeria immer wieder darum ringt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gerät sie unter den Einfluss ihrer Mutter, später unter den von Flavio und nicht zuletzt unter den ihrer unerfüllten Liebe zu Piero. Sie bleibt gefangen zwischen Erwartungen, Loyalität und Sehnsucht. Piero hingegen scheint seinen Weg entschlossener zu gehen: Trotz des schweren Erbes der Fabrik und der Verantwortung für 350 Familien gestaltet er sein Leben aktiv, heiratet, gründet eine Familie und entwickelt sich weiter.
Daniel Specks bildhafte, atmosphärisch dichte Sprache zieht schnell in den Bann. Die wechselnde Ich-Perspektive in beiden Zeitebenen verleiht der Geschichte große Unmittelbarkeit und emotionale Nähe. Der Roman liest sich flüssig und fesselnd – die vielen Seiten vergehen erstaunlich schnell.
Dennoch hinterlässt das Ende einen zwiespältigen Eindruck. Nicht der offene Schluss an sich irritiert, sondern die Fragen, die unbeantwortet bleiben. Sollte eine Fortsetzung geplant sein, wäre das eine stimmige Entscheidung. Andernfalls bleibt ein Gefühl des Unvollendeten – und selbst mit viel Fantasie lassen sich manche Lücken nicht ganz schließen.